#52FilmsByWomen: Mustang von Deniz Gamze Ergüven

Die aktuelle politische Wetterlage lässt einen diesen Film gleich noch ein wenig intensiver unter die Lupe nehmen, weil Mustang in vielerlei Hinsicht ein Bild eines Landes zeichnet, das uns momentan fremder zu sein scheint als es uns lieb ist. Trotz zurückliegender Strandurlaube an den typischen Touristenorten. Trotz der historisch verankerten, in unserem Land lebenden türkischen Generationen. Oder vielleicht gerade auch deshalb? Deniz Gamze Ergüven fängt in natürlichen Farben Stimmungen und Haltungen ein, die sich einem tief ins Gehirn brennen. Mustang strahlt zugleich endlose, vitale Mobilität, aber auch morbiden Stillstand aus. Und zeichnet ein Generationen- und Geschlechterprofil, das unterschiedlicher nicht sein könnte.

Mustang

Wenn Welten aufeinanderprallen

Mustang beginnt hoffnungsvoll, in bunten Bildern, die vor Lebensfreude und Energie nur so strotzen. Wie die Protagonistinnen, fünf Schwestern, die in einem kleinem türkischen Dorf ihre Jugend verleben. Es sind diese Anfangsszenen am Meer, das Gefühl alles noch vor sich zu haben, sich jeden Traum erfüllen zu können, die atmosphärisch stark wirken. Man riecht das Meer und schmeckt die Freiheit. Doch das Bild ist trügerisch. Die Wucht mit der dieses jugendliche Freiheitsideal wie ein Kartenhaus zusammenfällt, trifft dich als Zuschauer mit solch immenser Kraft, das sich eine Art Lethargie breit macht. Man sitzt da und fragt sich ständig: Was geschieht hier? Wieso sagt niemand etwas? Was soll das Ganze? Kopfschüttelnd breitet sich eine Hilflosigkeit aus, die auch Mustang gefangen nimmt. Und gefangen kann  dabei durchaus wörtlich genommen werden. Denn gefangen sind in diesem Film alle. Die ältere Generation in ihren konservativ-religiös geprägten Werten und Traditionen. Die jüngere Generation in einer Abwärtsspirale des Nichtstuns, des wortlosen Hinnehmens. Und unsere fünf Schwestern tatsächlich und offensichtlich. Der körperlichen Freiheit durch verschlossene Türen und vergitterte Fenster entzogen, harren sie kochend und backend der Dinge, die da kommen mögen. Verheiratung zuvorderst.

Es sind die kleinen rebellischen Momente, die Mustang dann aber doch atmen lassen. Die uns Zuschauer aufatmen lassen. Die wieder eine winzige Form von Hoffnung produzieren. Das Fussballspiel im Stadion oder die PKW-Fahrstunden auf der trockenen, vereinsamten Landstraße. Momente, die eben so schnell und abrupt wieder zerstört werden. Mit Krawumm und ohne Vorwarnung. Das Aufeinanderprallen so grundverschieden charakterisierter Welten im Mikrokosmos Dorf erzeugt Druckwellen, die sich ständig in irgendeiner Form entladen müssen. Nicht alle kommen dabei ’nur‘ mit psychischen Schäden davon, sondern erleiden schmerzhafte physische Wunden auf Lebenszeit. Schmerzhaft nah wie die Kamera, die die Schwestern einfängt. Schmerzhaft echt, wie die Darstellung der Erzählung. Mustang ist trotz aller gezeigter Bilder voller rückwärts gewandter, im Stillstand verharrender, nicht hinterfragter Traditionen ein ambitioniertes Plädoyer für die Freiheit und Selbstverwirklichung des Einzelnen. Jede der fünf Schwestern versucht der aufoktroyierten Gefangenschaft in bestmöglicher (individuell unterschiedlicher) Weise zu entfliehen. Auch wenn die Flucht am Ende Ehe oder Tod bedeuten mag. Eine sticht dabei besonders hervor – als Aufwieglerin, Querulantin und natürlich – letztendlich – Heldin der Geschichte. Und es kommt nicht von ungefähr, das es gerade die jüngste der Mädchen ist, die allen anderen gezeichneten Figuren die Show stiehlt. Narrativ sowieso, aber vor allem auch schauspielerisch. Ihr obliegt es dem Film einen versöhnlichen Abschluss zu gönnen, der ein wenig den zu Beginn am Meer verströmten Hauch der unbedingten, unabänderlichen Freiheit wieder aufnimmt. Weiter trägt in eine Zukunft ohne Zwänge, ohne Restriktionen und ohne der ständigen Angst des unanständigen Verhaltens. Eine Zukunft, die der Leichtigkeit und Offenherzigkeit und – ja auch das – der rebellischen Auflehnung der Jugend gehört.

Deniz Gamze Ergüven ist mit Mustang ein berührend echtes, atmosphärisch dichtes Werk über die soziale Gesellschaftsstruktur und die traditionelle Starre der heutigen Türkei gelungen. Sie tippt mit dem Finger auf die Wunden, scheut sich aber auch nicht mit der ganzen Faust kräftig drauf zuschlagen. Ihr gezeichnetes Bild könnte nicht aktueller und brisanter sein, gibt aber dennoch auch ambivalente Gedanken preis. Und entlässt den Zuschauer mit dem Gefühl, das da ganz tief drinnen in diesen festgefahrenen, institutionalisierten Werten Abnutzungserscheinungen entstehen. Löcher im Bollwerk, die durch kleine gezielte Schläge auf den einzelnen Stein vielleicht das gesamte Mauerwerk zum Einsturz bringen. Dieser Gedanke fühlt sich fast so gut an wie Meerwasser auf der Haut oder die aufbrausende Energie nach der Rezeption von Mustang. Unbedingt ansehen!

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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7 Antworten zu #52FilmsByWomen: Mustang von Deniz Gamze Ergüven

  1. Morgen Luft schreibt:

    Der fehlt mir noch in meiner Liste. Freut mich, dass er bei dir so gut wegkommt und dich begeistert hat.

    • Stepnwolf schreibt:

      Hat er wirklich. Auch wenn am Anfang so der Gedanke an Coppolas „Virgin Suicides“ aufkam, aufgrund ähnlicher Umstände der Schwestern (ist ja auch vor allem religiös motiviert). Aber der Film dreht sich dann doch in eine andere Richtung.

  2. friedlvongrimm schreibt:

    Ich hätte am Anfang und nachdem ich irgendwann einen Trailer dazu gesehen hatte, nicht gedacht, dass mich der Film so mitnehmen würde. Für mich ist ein Leben eingesperrt und zwangsverheiratet etc. absolut abstrakt und trotzdem sitzt man dann nach dem Film heulend da und wird sich bewusst, dass das unter gewissen Umständen die eigene Realität hätte sein können. Ich meine, man schaut da ja kein Historiendrama, wo man danach sagen kann, dass man sehr erleichtert ist, im Jahre 2017 zu leben.
    Ich musste auch kurz an „The Virgin Suicides“ denken. Da sind ja auch sehr tolle Jungschauspielerinnen. ❤

    • Stepnwolf schreibt:

      Ja, die Kenntnis um die noch immer aktuelle Situation in einigen Teilen der Türkei macht den Film gleich schwermütiger. Da ist was dran.
      Ich musste tatsächlich zu Anfang auch an Coppolas Film denken. Aber der schlägt dann ja doch in einer andere Richtung, hat mich seltsamerweise nicht so sprachlos zurückgelassen, trotz des extremeren Endes. ‚Mustang‘ schafft da zweifellos eine bedrückendere Atmosphäre.

  3. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Seven | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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