#52FilmsByWomen: Hannah Arendt von Margarethe von Trotta

Margarethe von Trotta kennt so ziemlich jeden Blickwinkel cineastischen Schaffens. Sie lebte und arbeitete als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin zwanzig Jahre an der Seite des deutschen Regisseurs Volker Schlöndorff und widmete sich ab Ende der 1970er Jahre primär der Arbeit hinter der Kamera. Ihr Debüt als Regisseurin gab sie mit dem Werk Das zweite Erwachen der Christa Klages, erste größere Anerkennung erhielt sie für Die bleierne Zeit, der fiktiven Erzählung des Lebens von Gudrun Ensslin – Mitglied und zum inneren Kern der ersten RAF Generation zählend. Hier kam es auch das erste Mal zur Zusammenarbeit zwischen Margarethe von Trotta und Barbara Sukowa, denen weitere gemeinsame Projekte folgen sollten. Ein fruchtbares Ergebnis dieser professionellen Liaison ist der Film Hannah Arendt, der eine der großen Philosophinnen und politischen Theoretikerinnen des 20.Jahrhunderts ein filmisches Denkmal setzt.

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Die Banalität des Bösen

Die Handlung kreist dabei um den Eichmann-Prozess, bei dem Hannah Arendt als Journalistin für den The New Yorker vor Ort war, um darüber essayistisch zu berichten und der ihren Aufhänger für die berühmte (und bis heute viel diskutierte) These von der „Banalität des Bösen“ lieferte. Ein Biopic über eine derart intelligente, rhetorisch gewandte, diskussionsfreudige und durchaus auch stoisch auf ihren Ansichten insistierende Persönlichkeit muss zwangsläufig von dieser Hauptfigur geprägt sein. Barbara Sukowa verleiht ihrer Hannah Arendt jene Präsenz, die sie auch im wahren Leben inne hatte. Ohne ihr präzises Schauspiel, das sich dem nicht immer leichten Charakter Arendts annähert, hätte der Film nicht funktioniert. Sukowa verkörpert Arendt in besonders eindringlicher Manier, so daß man stellenweise glaubt auch hier Archivbilder – die die Regisseurin eigentlich nur in den Prozessszenen filmisch verarbeitet – zu sehen. So bietet sich dem Zuschauer ein vor Authentizität nur so strotzender Film.

Dieser Realitätsfaktor zeichnet auch die visuelle Umsetzung aus. Die Bilder fangen wunderbar den Flair der jeweiligen Szene ein, sei es in den Straßen Jerusalems oder in der New Yorker Wohnung der Protagonistin. Die atmosphärischen Bilder atmen Geschichte, denn genau das wird einem hier gezeigt: historische Momente, die ihre Zeit überdauert haben. Insbesondere die Gespräche zwischen den einzelnen Akteuren, die ihrem Milieu entsprechend natürlich auf intellektuell anspruchsvollem Niveau stattfinden, zeichnen ein reales Abbild und dienen häufig der näheren Charakterisierung der alles einnehmenden Hauptfigur. Glücklicherweise hat Margarethe von Trotta ebenbürtige Schauspielkollegen an Sukowas Seite gestellt, die nicht nur Stichwort-, sondern auch oft Impulsgeber sind. So glänzen vor allem der eigentlich immer groß aufspielende Axel Milberg als ihr Ehemann Heinrich Blücher und der wunderbare Michael Degen als alter Freund und Weggefährte Kurt Blumenfeld mit kraftvollem Esprit und frischen den manchmal – gerade aufgrund der hohen Dialoglastigkeit- arg trocken erscheinenden Erzählfluss (filmisch und rhetorisch gemeint) mit leicht humorigen Einlagen auf. Das hat der Film zwar nicht unbedingt nötig, verleiht dem doch eher ernsten Unterton, der sich aus thematischen Gründen natürlich nicht vermeiden lässt, aber doch eine zugänglichere Grundstimmung. So hält Hannah Arendt gekonnt die Balance zwischen intellektuellem Anspruch und leicht goutierbarem Sehgenuss.

Margarethe von Trotta gelingt mit Hannah Arendt ein stimmiges biografisch angehauchtes Werk über die titelgebende Figur, bettet den in Gesamtheit gesehen thematisch anspruchsvollen, besonders redeintensiven Film in authentisch anmutende – und durch die Einbindung dokumentarischer Passagen der Gerichtsverhandlung Adolf Eichmanns diese Intention verstärkende – Bilder ein und erschafft dadurch ein kurzes, aber prägnantes Porträt einer der großen (und gerade in der heutigen Zeit mit ihren Thesen mehr denn je aktuellen) Denkerinnen ein bleibendes cineastisches Denkmal. Ein beeindruckend kraftvoller Film über eine beeindruckend kraftvolle Frau.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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3 Antworten zu #52FilmsByWomen: Hannah Arendt von Margarethe von Trotta

  1. dj7o9 schreibt:

    Den Film habe ich auch gerade gesehen. Klasse Rezension, ich fand den Film großartig. Liebe Grüße 🙂

  2. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Seven | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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