#52FilmsByWomen: A Girl walks Home alone at Night von Ana Lily Amirpour

Die Szene des ersten Kennenlernen von The Girl und Arash ist zugleich wunderbar schlicht und einfach gehalten und dabei gleichzeitig wunderbar wirkungsvoll auf der Bild- und Dialogebene umgesetzt.  Ana Lily Amirpour lässt den Protagonisten Arash in seinem Draculakostüm drogenumnachtet eine menschenleere Straße entlang torkeln, die nur von Straßenlaternen schummrig beleuchtet ist. Die Protagonistin The Girl kommt ihm Skateboard fahrend und ihn neugierig beäugend aus der anderen Richtung entgegen. Wir wissen mittlerweile um ihr Geheimnis und erwarten daher eine ganz bestimmte Aktion. Arash reagiert jedoch total unbeholfen, weshalb sich ein gar köstlicher Dialog entspinnt, der beide einander näher bringt und The Girl dazu verleitet wider ihrer Natur zu handeln. Diese an sich bereits perfekt die Stimmung einfangende Szene wird direkt daran anschließend noch einmal getoppt. Denn es folgt eine Einstellung, die die Atmosphäre von A Girl walks Home alone at Night so dezent und doch so effizient einfängt:

„Ich glaube, ich hab mich verirrt.“

Ana Lily Amirpour gelingt mit ihrem Debütfilm etwas, was nur sehr schwer zu erreichen ist: Sie zieht den Zuschauer magisch hinein in diese Welt von Bad City, dem fiktiven Ort der Handlung. Sie erschafft Figuren, die trotz der nur kurzen Auftritte, die sich episodenhaft durch das gesamte Werk erstrecken, so echt gezeichnet sind, das man ihnen die (gewollt) stereotypischen Aktionen hundertprozentig abnimmt. Sie bricht aber auch mit den – einem Stereotyp anhaftenden – Konventionen, wenn sie zum Beispiel den Drogendealer und Möchtegernmacho Saeed gewollt überspitzt zeichnet, um diesen harten Typ in Anwesenheit von The Girl volle Breitseite auflaufen zu lassen. Sie charakterisiert ihre Protagonisten fast nur durch deren Handlungen. Dialoge sind rar gesät. A Girl walks Home alone at Night besticht sehr viel mehr auf der Bild- und Musikebene. Hier herrscht pure visuelle Ästhetik und musikalisch melancholische Untermalung. Und das so perfekt harmonierend, das die zauberhaften Bilderwelten, die real sein sollen, allzuoft irreal mystisch erscheinen. Nicht zuletzt das konsequent in schwarzweiß Filmen unterstützt diesen Anschein, setzt doch Ana Lily Amirpour gezielt Lichteffekte ein, die unwirkliche Schatten und dunkle Ecken provozieren. So wird jede Einstellung durch ihre Bildkompositionen zu einem Eigenleben erweckt. Die Regisseurin  experimentiert sich munter durch Panoramabilder, extreme Closeups, wechselt zwischen hochstilisierten Bildern in Zeitlupe und schnellem, abrupten Zeitraffer. Kein Bild ist dem Zufall überlassen, jedes Detail hat im Verlauf der Geschichte eine Bedeutung. Die wenigen, kurzen Dialoge sticheln den Zuschauer an, aktivieren auf der metaphorischen Ebene und wirken darüber hinaus. Hier trifft gerade nicht dieser schöne Satz des ‚Style over Substance‘ zu, sondern viel eher und zuvorderst ‚Style and Substance‘.

Wo Jim Jarmusch mit seiner Vampirsymphonie Only Lovers left alive aufhört, fängt Ana Lily Amirpour mit ihrer Vampirliebesgeschichte A Girl walks Home alone at Night erst an. Wenn es den filmischen Genrebegriff Arthouse nicht schon längst geben würde, für dieses auf so ziemlich allen Filmebenen grandios gelungene Meisterwerk müsste man ihn unbedingt erfinden. Ich glaube, ich habe mein Herz verloren. An dieses kleine, feine, ruhige, auf Zelluloid gebannte Stück Filmgeschichte – schon jetzt und für immer!

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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9 Antworten zu #52FilmsByWomen: A Girl walks Home alone at Night von Ana Lily Amirpour

  1. Ma-Go schreibt:

    Die Szene, in der the girl den zugedröhnten Dracula mit nach Hause nimmt, ist wirklich der Hammer. Auch wenn ich den Rest des Films jetzt nicht soooo spektakulär fand.

    • Stepnwolf schreibt:

      Ist irgendwie auch ein typischer ‚muss man im Kino gesehen haben‘-Film. Die Wirkung ist dann noch einmal extremer, weil schummrig atmosphärischer. Aber ich mag halt auch insbesondere Schwarz-Weiß als filmisches Stilmittel besonders gern sehen.

  2. bullion schreibt:

    Der Film steht auch immer noch ungesehen bei mir im Regal. Eigentlich eine Schande, aber eben Arthouse, wie du schreibst, da braucht man auch Muße für die Sichtung… 🙂

  3. Morgen Luft schreibt:

    Neeeeein, mach doch sowas nicht. Jetzt laufen die White Lies SCHON WIEDER in der Endlosschleife^^ Toller Film. Sicherlich nicht ganz rund, aber ich war auch schwer begeistert. Das Erzählen in Bildern und Blicken. Hach.

  4. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Seven | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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