#52FilmsByWomen: Bande de Filles von Céline Sciamma

Vic wie Victoire. So wird sie in ihrer Mädelsgang genannt. Und eine Siegerin will sie auch sein, unsere Protagonistin Marieme. Sozial verortet in der Banlieue wird gerade eben dies nicht zum Hauptthema im Film Bande de Filles der Regisseurin Céline Sciamma. Vielmehr wird uns die Emanzipation einer jungen Frau präsentiert. Ein Coming of Age – Drama par excellence also.

bandedefilles

Shine bright like a diamond.

Marieme wird gespielt von Karidja Touré und bevor wir über irgendetwas anderes reden, ziehe ich kurz meinen imaginären Hut vor dieser Performance. Bedrückend nah, erdrückend emotional, beängstigend echt und verängstigend hart – Karidja Touré glänzt in allen Facetten ihrer Figur und erweckt sie somit zum Leben. Voll und ganz.

Céline Sciamma setzt ihre Protagonistin aber auch gekonnt in Szene. Ihre Bildkompositionen und vor allem der musikalische Einsatz erinnern spontan an Sofia Coppolas Werk The Bling Ring, das selbstredend natürlich ein komplett anderes Milieu charakterisiert, aber ähnliche Figuren etabliert. Sie arbeitet mit punktuellen Nahaufnahmen, wechselt zu unnatürlichen Farbtönen, schafft es dabei aber immer die jeweilige Stimmung der Szene perfekt emotional einzufangen. Bestes Beispiel: die Mädelsparty im Motelzimmer. In bläuliches Licht getaucht, untermalt von Rihannas Song Diamonds spürt man förmlich die losgelöste Stimmung, das Gefühl der Freiheit fernab von allen Zwängen und Ängsten, die Magie des vergänglichen Augenblicks. Bande de Filles wartet mehrmals mit derlei glänzenden Bildern einer Scheinwelt auf, setzt dem aber auch die brutale Realität von Vics Leben entgegen. Die Balance ist stimmig und passt perfekt zur eigentlichen Charakterentwicklung der Hauptfigur. Diese Entwicklung manifestiert sich in mehreren Akten, die – und das ist ein weiterer Anstrich der visuellen Eigenart des Films – deutlich erkennbar durch Fade Out-Interludes getrennt sind, nur die Musik dient als Bindeglied zum nächsten Stadium der Emanzipation, die härter und rigoroser nicht sein könnte. Um dem Gefängnis aus familiärer Gewalt, sexuellen Übergriffen, patriarchalischer Überheblichkeit und manifestierter sozialer Umgebung zu entkommen, bedarf es großer, mutiger Schritte, die Marieme aufgrund ihrer starken Persönlichkeit zu gehen weiß. Nicht ohne die Unterstützung ihrer Freundinnen – insbesondere Assa Sylla als Lady muss an dieser Stelle hervorgehoben werden – aber im Endeffekt dann doch vollkommen allein. Faszinierend mit wie viel Feingefühl Céline Sciamma diesen steinigen Weg filmisch umsetzt, ohne klischeehaft das schwere Umfeld besonders hervorzuheben. Es ist präsent, aber nur als Vehikel für die Transformation der Hauptfigur. Dieser Umstand gereicht Bande de Filles zum Vorteil.

Céline Sciamma gelingt mit ihrem Werk ein intensives Porträt der Emanzipation einer jungen Frau von der sie zu definieren scheinenden Welt. Gleichzeitig zeichnet sie ein modernes, aktuelles Bild einer aufgrund der Herkunft stigmatisierten Jugend, die sich aber eigentlich von ihren Altersgenossen weit entfernt der Banlieue keinen Deut unterscheiden, was ihre Träume, Wünsche und Ziele anbelangt, sondern sich vielmehr über gleiche Interessen und Werte definieren, die eben vor so etwas wie sozialen oder ethnischen Grenzen keinen Halt machen. Somit ist Bande de Filles nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, sondern ein unüberseh- und hörbares Statement für die Befindlichkeiten einer ganzen Generation.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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3 Antworten zu #52FilmsByWomen: Bande de Filles von Céline Sciamma

  1. Morgen Luft schreibt:

    Gleich mal vormerken… Wo soll das nur hinführen 😉

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