#52FilmsByWomen: Die Fremde von Feo Aladag

Mein erstes Mal war natürlich Fatih Akins Film Gegen die Wand. Ich war vom Fleck weg fasziniert von dieser Präsenz, dieses herausfordernde Schauspiel, diese Inbrunst, die sie mit jeder Faser ihres Körpers an den Tag legte. Was für eine Frau! Und ja, ich war auch ein Stück weit verknallt in Sibel Kekilli und dieser Crush blieb bis heute erhalten. Ebenso wie ihre schauspielerische Präsenz, die sie erneut eindrucksvoll in Die Fremde, dem Debütwerk von Feo Aladag, unter Beweis stellt.

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Hab keine Angst vor nichts.

Es sind vor allem die kleinen, intensiven Momente zwischenmenschlicher Kontakte, die diesen Film dominieren. Kurze Szenen mit prägnanten Dialogen wechseln sich ab mit unter die Haut gehenden Augenblicken – wörtlich gemeint, denn gerade die stillen, wortlosen Gestiken und Mimiken schaffen extreme, emotionale, einprägsame Bilder. Bilder, die beim Zuschauen unterbewusst ständig ein ungutes Gefühl provozieren. Die einen flau im Magen werden lassen. Die einen aggressiven Unterton transportieren. Feo Aladags Werk wird nie hektisch. Ihr Familiendrama ist ruhig und stringent erzählt, erlaubt sich wunderbar ruhige einfühlsame Szenen und ist gerade deshalb spannend. Man erwartet jede Sekunde eine explosive Entladung. Diese kommt dann tatsächlich: Die letzten Bilder von Die Fremde schlagen dem Zuschauer die Faust direkt ins Gesicht. Perplex, unglaublich wütend und gleichzeitig unsagbar traurig sitzt man vor dem Bildschirm – fassungs- und sprachlos. Kopfschüttelnd. Mit einem Kloß im Hals.

Die Fremde ist visuell ein Genuss. Die dominanten Bilder erzählen die Geschichte, es bedarf weniger Worte um dennoch das ganze Ausmaß der Umstände, die unsere Protagonistin Umay zu ihren Aktionen veranlasst, darzustellen. Hinzu kommt ein Score, der nie aufdringlich erscheint. In dieser schwerelosen Leichtigkeit der Melodien liegt aber umso mehr schwermütiges Drama. Max Richter findet die passenden Klänge zur jeweiligen Situation und verstärkt die ohnehin dichte Atmosphäre noch einmal. Und dann ist da ja noch Sibel Kekilli: dominant – sowohl ihre Figur als auch ihr Schauspiel – zielstrebig, liebevoll, verzweifelt, glücklich, ängstlich, stark. Egal, welche Emotion, ihr gelingt durchweg ein präzises, echtes Bild der Hauptfigur Umay. Dabei sollen die katalysatorischen Nebenfiguren nicht vergessen werden. Insbesondere Umays Vater und Oberhaupt der Familie (Settar Tanrıöğen changiert zwischen patriarchalischem Auftritt und väterlicher Liebe zur Tochter) sowie ihre Mutter (Derya Labora verzweifelt am gestrengem Glauben der muslimischen Sitten und ihrem innerlichen Stolz auf die emanzipatorisch agierende Tochter) hauchen ihren Figuren Leben ein, lassen sie an den Aufgaben wachsen und scheitern an den getroffenen Entscheidungen.

Feo Aladag kombiniert die Bildsprache, die musikalische Untermalung und das fordernde Schauspiel ihrer Figuren und verbindet dies zu einer brisanten Mischung. Einer Mischung, die mehrere Ebenen angreift: die religiös-patriarchalisch manifestierte türkische Gesellschaft, die familiäre Strenge und dessen Starrsinn, sowie die niemals zu untergrabene Familienehre. Die Fremde ist gleichzeitig die Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau, die aus dem gesellschaftlichen Käfig ausbrechen will – selbst wenn sie dafür die Familienbande kappen muss – weil sie das Glück ihres Kindes und ihre Selbstverwirklichung über alles andere stellt. Um das zu erreichen, darf man keine Angst haben. Vor nichts. Das beweist dieser Film in aller brachialen Konsequenz und bis zum bitteren Ende.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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2 Antworten zu #52FilmsByWomen: Die Fremde von Feo Aladag

  1. Rubinkatze schreibt:

    Also schauspielerisch ist Gegen die Wand ohne Frage super… aber hast du verstanden, was der Film eigentlich aussagen will? Ich muss zugeben, ich konnte inhaltlich nicht viel mit dem Film anfangen. Und leider ist die Sichtung auch schon zu lange her, als dass ich mehr dazu sagen könnte…

  2. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Seven | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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