#52FilmsByWomen: Dohee-ya von July Jung

Regen, der auf Autoscheiben fällt. Ein Scheibenwischer, dessen schmierende Geräusche durch die trostlose Szenerie zu vernehmen sind. Eine Frau auf dem Weg in einen Provinzort irgendwo am Meer in Südkorea. Weit weg von der schwirrenden Großstadt Seoul. Eine Frau, deren emotionslose Miene nichts zu offenbaren scheint. Nur Einsamkeit, deprimierende Teilnahmslosigkeit und freudloses Dahinvegetieren. So suggeriert es uns die Regisseurin July Jung in ihrem Debütwerk Dohee-ya. Und so ist auch die erste Begegnung mit der Protagonistin Yeong-nam Lee.

A Girl at My Door- Dohee-ya-도희야-Korea, Foreign, 2014, July Jung, Doona Bae, Kim Sae-ron, Song Sae-byeok, Sinopsis, synopsis, cerita, alur, durasi, film, movie, review, image, still

Aus einsam mach zweisam.

Die Polizistin Yeong-nam Lee wurde aufgrund eines nicht näher definierten Vergehens in die südkoreanische Provinz strafversetzt und muss dort mit einigen Vorurteilen und eigentümlichen Vorgehensweisen klarkommen, was ihr ungemein schwerfällt und sie als emanzipierte, selbstständige Frau mit den patriarchalischen, traditionellen Bewohnern anecken lässt. Die Sorge um ein körperlich misshandeltes Mädchen und ihr Eingreifen in deren familiäres Umfeld erzeugt Missmut in der alteingesessenen Dorfgemeinschaft. Ihre erst versteckte, dann jedoch offenbarte Homosexualität heizt die ohnehin angespannte Stimmung weiter auf und bricht sich in einem doch ein wenig verstörenden und dann die Grenzen des ethisch korrekten Verhaltens überschreitenden Finale unkontrolliert Bahn. Der so ruhig erzählte Film wandelt am Ende moralisch und rechtlich nah am Abgrund. Die sorgsam aufgebauten Sympathien und Antipathien fallen wie ein Kartenhaus zusammen und lassen den Zuschauer mit offenen Fragen zurück.

Dohee-ya ist seltsamerweise sowohl faszinierend als auch zugleich abstoßend. July Jung gelingt diese Gratwanderung durch eine dichte, direkte Erzählweise. Ihre Bilder sind immer nah und unmittelbar auf die beiden Figuren gerichtet und lassen wenig Raum zum Atmen. Ähnlich geht es beiden einsamen Wanderern, zum einen der Polizistin (mit einer stoischen Miene und misanthropischer Attitüde extrem brachial interpretiert von Doona Bae) und zum anderen der titelgebenden Dohee (was für eine creepy-verstörende Performance der damals vierzehnjährigen Sae-ron Kim). Das Schauspiel beider Damen ist exzellent. Die Geschichte streift einige soziale Brennpunkte, wie das Verhältnis zu Migranten und Fremden oder die konservativen Vorurteile gegenüber allem andersartigen Auftreten, sei es sexueller Natur oder in der Verhaltensweise. July Jung geht jedoch nur sporadisch darauf ein, da ihre Konzentration auf der Beziehung zwischen Yeong-nam und Dohee liegt. Die gezeigte Beschützerfunktion, die in kleinen, aber feinen Momenten zu kippen droht, stellt den Kern der Erzählung dar. Die in Dialogen und kurzen Szenen dokumentierte Andersartigkeit des Mädchens wiederum verleiht A Girl at my Door (so der englische Titel) eine mysteriöse Komponente, die zum besagten Finale führt. Und das ist der Punkt an dem sich die Geister scheiden. An dem Sympathie für das jahrelang misshandelte Mädchen und Antipathie ihrer Familie gegenüber zu wechseln scheinen. An dem der Zuschauer zwischen moralisch korrektem Handeln und emotionaler Blindheit changiert.

Dohee-ya arbeitet die Geschichte stringent ab und profitiert dabei vor allem vom Schauspiel der beiden Hauptfiguren. Die visuelle Unmittelbarkeit schafft verletzliche und verletzende Bilder, egal, ob nur metaphorisch oder in realer Form. Die so klar und fokussierte Erzählung erhält durch das verstörende Finale noch einmal eine ganz andere Perspektive. July Jungs Debütfilm ist ein starkes Drama über Verlust, Einsamkeit, Verdrängung und Befreiung. Keine leichte Kost, aber unbedingt zu empfehlen.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erde, Mensch abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu #52FilmsByWomen: Dohee-ya von July Jung

  1. Miss Booleana schreibt:

    Mensch, habe Doona Bae gerade in Sense8 gesehen und jetzt lese ich deinen Beitrag hier, schöner Zufall. Scheint auf jeden Fall ein sehr interessanter Film zu sein, den ich mal so gar nicht auf dem Schirm hatte – danke fürs teilen.

    • Stepnwolf schreibt:

      Wie immer gern.
      Und ja, ist zwar sehr asiatisch in seiner Erzählstruktur, aber beide, sowohl Doona Bae als auch Sae-ron Kim überzeugen total.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s