#52FilmsByWomen – Spezial: Die Stummfilm-Regisseurin Alice Guy-Blaché

Da erschien am vergangenen Mittwoch kein neuer Beitrag in der Reihe #52FilmsByWomen und niemand hat es gemerkt. Aber eigentlich war dies ja auch beabsichtigt, denn Anfang August wird es dann doch Zeit ein wenig in der filmhistorischen Vergangenheit zu wühlen und sich mit den Anfängen des Films zu beschäftigen. Denn auch wenn beim Thema ‚Als die Bilder laufen lernten.‘ sofort Namen wie die Brüder Lumière (mit dem berühmten Zug L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat) oder auch Georges Méliès (dem in diesem Film ein kleines Denkmal gesetzt wurde) fallen, ist eine Pionierin des Films gänzlich in Vergessenheit geraten. Das soll hier und heute geändert werden.

Alice Guy-Blaché (1873-1968) – Regisseurin, Produzentin, Dozentin

The First Woman Filmmaker Nobody’s Heard Of: Alice Guy-Blache from Catherine Stratton on Vimeo.

Der Titel der kurzen Doku über Alice Guy-Blaché ist bezeichnend. Zum einen für die zur damaligen Zeit sowieso wenig feministisch angehauchten Gesellschaft, die sich eine Frau als Vorreiterin eines revolutionär neuen Mediums nicht vorstellen konnte. Zum anderen aber auch für die filmhistorische Relevanz (bis heute) im Vergleich zu anderen (männlichen) Vertretern des jungen, noch stummen Kinos. Dabei entstand nur ein Jahr nach dem eingangs erwähnten Lumière-Klassiker Guy-Blachés einminütiges Werk La Fée aux Choux, das im Gegensatz zum einfahrenden Zug bereits narrative Elemente des fiktionalen Films aufweist:

Sowieso muss man sagen, das die Regisseurin schon früh die erzählerische Kraft des Films erkannt hatte und dies in ihren Werken auch gekonnt ausnutzte. Und ähnlich wie Georges Méliès experimentierte die Französin mit Montage-Elementen, die zauberhafte und für das damalige Publikum staunenswerte Bilder schufen. Unterstützung fand ihr Schaffen bei Léon Gaumont, bei dem sie als Sekretärin begann und nach Gründung der Filmfirma L. Gaumont et Compagnie die Position der Produktionsleiterin einnahm. Unter ihrer Ägide entwickelte sich nicht nur die Firma Gaumont zur französischen Filmschmiede (die übrigens auch heute noch existent ist), sondern ebenso der Film an sich. Alice Guy-Blaché war mittendrin bei Farbfilmversuchen und Tonfilm-Experimenten. Viele ihrer Werke fangen diese Möglichkeiten der differenzierteren Erzählung im Bild (und Ton) ein. Leider ist auch ihr sehr hoher filmischer Output häufig verschollen oder zerstört oder einfach am Zahn der Zeit zerbröselt, so das nur wenig vollständig, einiges in Ausschnitten und vieles nur noch als Einzelbilder oder Fragmente zur Verfügung steht.

Die Musik in den ausgewählten Filmen der Regisseurin ist nicht Original. Die meisten der öffentlich aufgeführten Filmvorführungen waren vollständig ohne musikalische Begleitung – also tatsächlich stumm. Musik, speziell für den Film komponiert, sollte erst später, mit zunehmender Spielfilmlänge, eine veritable Rolle spielen. Eine große Rolle im Leben von Alice Guy-Blaché spielte ab 1907 ihr Ehemann (und Kameramann) Herbert Blaché, der als Chef der Amerika-Dependanz von Gaumont fungierte und mit ihr zusammen drei Jahre nach der Heirat eine eigene Filmproduktionsfirma gründete: Solax. Die Firma, der sie als künstlerische Leiterin vorstand, wuchs rasant und arbeitete recht erfolgreich. Mitte der 1910er Jahre schuf Alice Guy-Blaché als Regisseurin nicht nur selbst Filme, finanzierte als Produzentin nicht nur einen gehörigen Anteil des jährlichen amerikanischen Filmoutputs, sondern lehrte als Dozentin neuen, wißbegierigen, filmbegeisterten Studenten die Grundlagen des Mediums an der Columbia University.

Mit Solax (später umbenannt in Blaché Features) inszenierte sie eine große Anzahl publikumswirksamer Filme. Ihre eigenen Werke durchziehen aber durchaus fernab des normalen, damaligen Erzählkinos alternative Ansätze. Sei es in Form der erzählten Geschichte wie der obigen, in der die patriarchalisch geprägte Welt amüsant, eloquent und gleichzeitig selbstkritisch auf den Kopf gestellt wird. Oder sei es durch die Wahl der Schauspieler, wie in ihrem Film A Fool and his money, der mit einem ausnahmslos afro-amerikanischen Cast aufwartete, was einem politischen Affront gleichkam, wenn man bedenkt, das nur wenig später einer der am häufigsten zitierten (und bis heute referierten) und erfolgreichsten Stummfilme herauskam, der den afroamerikanischen Anteil der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten in einem gänzlich negativen Licht zeichnete. Alice Guy-Blachés Oeuvre beinhaltet eben auch Themen abseits des gängigen Mainstreams, auffallend häufig sind Frauenfiguren in den Fokus gerückt. Anfang des 20. Jahrhunderts war das durchaus ein visionäres und modernes Bild einer gänzlich anders geprägten Gesellschaft.

Mit der Hinwendung des amerikanischen Kinos gen Hollywood ging der Niedergang der an der Ostküste beheimateten Filmfirma von Alice Guy-Blaché einher. Nur wenig später trennte sie sich nicht nur geschäftlich, sondern auch privat von ihrem Ehemann. Auch beruflich blieb der vergangene Erfolg aus, so das sich die weibliche Pionierin der bewegten Bilder 1920 komplett aus dem Filmbusiness zurückzog, in ihre Heimat Frankreich zurückkehrte und dort nur mehr dozierend und als Drehbuchautorin auftrat. Einen Film drehte sie bis zu ihrem Tod nie wieder.

Beenden wir den Ausflug in die Anfänge des Films mit einem der ältesten Verfilmungen des Lebens von Jesus Christus, entstanden 1906 und natürlich inszeniert von unserer heutigen Hauptprotagonistin – Alice Guy-Blaché. Die Musik zum Film darf jeder gern selbst wählen.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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