#52FilmsByWomen: L’enfant d’en haut von Ursula Meier

Schwierig und sperrig. Zwei Begriffe, die einem zuerst in den Sinn kommen, wenn man sich an diesen Film annähert. Trocken und kühl. Auch damit lassen sich Assoziationen zum Film schaffen. Emotionsarm und teilnahmslos. Fällt einem ein, wenn man an die zwei wichtigen Charaktere denkt. Was Ursula Meier mit L’enfant d’en haut dem werten Publikum vorsetzt, bedarf viel Mut und Nerven beim Konsumieren. Und leider fällt die Belohnung für diese Mühe nur dürftig aus.

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Was klaust du im Sommer? Fahrräder?

Winterdieb – so der deutsche Titel – schreit mit jeder Szene und jedem Bild danach endlich und ohne Vorwarnung durchzudrehen. Auf Seiten des Zuschauers, wohlgemerkt. Es gibt einige Aspekte am Film, die schwer verdaulich sind. Und das beginnt schon beim Protagonisten. Denn Simon ist eine Figur, der Sympathie entgegengebracht werden soll, weil er ja auch Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist (nämlich der Winterdieb), der aufgrund seines ganzen Auftretens aber beim Zusehen keinerlei Emotionen evoziert. Problematisch. Vor allem dann, wenn die Beziehung zu seiner im Film als Schwester titulierten zweiten Akteurin näher beleuchtet wird. Jene Schwester, gespielt von Léa Seydoux, kommt nämlich als die eigentlich unsympathische Figur daher, wirkt aber durch die natürliche Darstellung sehr viel zugänglicher als Simon. Was für mich die ganze aufgebaute Konstellation von Grund auf ad absurdum führt und dem Sehgenuss ungemein abträglich ist. Dabei ist Kacey Mottet Klein die Bemühung seiner Rolle Leben einzuhauchen durchaus anzusehen. Allein es gelingt ihm nur stellenweise sich aus dem vom Drehbuch in ein enges, mit wenig Spielraum besetztes Korsage, zu befreien, um der Figur Simon mehr Sinn zu geben als tägliches Klauen, um Nahrung und Kleidung zu beschaffen.

Denn das dort mehr ist, offenbaren sporadisch extrem gekonnt eingebrachte Bilder, die hinter die Fassade der Geschwister blicken und kleine, versteckte Scherben und Sprünge zeigen. Risse im familiären Konstrukt, die tiefer liegen. Die eigentlich dazu animieren müssten, auszurasten. Den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Doch das geschieht nicht. Nie! Die Emotionen werden unter den schönen, weißen Pulverschnee gekehrt. Die Spannungen können sich nicht entladen. Aber genau das hätte L’enfant d’en haut so gut getan. Das hätte dem Werk die Sperrigkeit, die trockene Gefühlsleere, die kühle Distanz nehmen können. So schaut man dem Spiel und dem Gang der Geschichte mit einer Teilnahmslosigkeit zu, die der Film eigentlich nicht verdient hat. Wenn es Ursula Meier gelungen wäre, eine in irgendeiner Form zu beobachtende Entwicklung der Charaktere zu inszenieren. Das gelingt ihr jedoch nicht, egal wie sehr beide Schauspieler auch gegen Drehbuch und Erzählung anzuspielen versuchen, am Ende steht ein Nullsummenspiel. Sowohl Simon als auch seine Schwester sind keinen Schritt weiter gekommen, weder narrativ noch emotional setzt Tauwetter ein. Das einzige, was in den letzten Minuten des Films taut, ist der Schnee in den Skigebieten. Sonst nichts.

L’enfant d’en haut weckt Erwartungen, die über die gesamte Spielzeit nicht eingelöst werden. Das liegt weniger an den beiden Hauptdarstellern, sondern viel mehr an der Umsetzung, die den Zuschauer komplett außen vor lässt. Was angesichts des zu erzählenden Themas schwierig bis nervtötend ist. Ursula Meier hat leider in siebenundneunzig enttäuschenden Minuten Film sehr wenig zu sagen.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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