#52FilmsByWomen: (37) 50 Dead Man Walking von Kari Skogland

Filme über den Nordirland-Konflikt sind fast so alt wie dieser religiös-politisch begründete, auf den Straßen von Belfast ausgetragene Kampf um die wahre Vorherrschaft. Zumeist sind die Werke dann entweder aus der politisch brisanten, organisatorischen Struktur heraus erzählten Sichtweise gefilmt oder sie fokussieren auf einzelne Charaktere und deren Rolle innerhalb der gesamten Maschinerie IRA. Das Genre Politdrama mag dabei für den Großteil aller relevanten Outputs zum Thema stehen. Kari Skogland wählt eine Mischung aus beidem und kann dabei auf das autobiografische Buch des Protagonisten zurückgreifen. 50 Dead Man Walking versucht erst gar nicht den Spagat viele fiktionale Elemente zu etablieren, sondern kommt im dokumentarischen Stil daher. Das tut dem Film nicht immer gut.

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Sunday Bloody Sunday

Martin McGartland ist jung und braucht Geld, das er sich aufgrund seines arbeitslosen Status nur durch den Verkauf von Hehlerware beschaffen kann. Über kleine Kurierdienste rutscht er nach und nach in die vor Ort agierende IRA, weil dies für ihn sichere Bezahlung bietet, obwohl er politisch wenig Interesse an der Sache zeigt. Das wiederum macht ihn für den britischen Geheimdienst umso wertvoller, die ihn anheuern, um den inneren Kern der IRA-Gruppe zu entlarven und deren Aktionen zu unterwandern. Jim Sturgess mimt den stoischen, extrovertierten, mit großer Klappe und wenig Hemmungen auftretenden jungen Mann. Sichtlich bemüht darum ihm Leben einzuhauchen, scheitert dieser Ansporn an der zu dokumentarisch, chronologisch aufgebauten und visuell auf Abstand gehaltenen Art der Erzählung von 50 Dead Man Walking. Die Distanz zwischen Protagonist und Zuschauer wird nie völlig überwunden, da hilft auch nicht das Einbinden familiärer Strukturen in die Geschichte, deren emotionaler Faktor nur begrenzt wirkt. Kari Skogland gelingt es nicht Sympathien für die Beweggründe des Protagonisten zu entwickeln. Vielmehr schaut man dem Bilderreigen aus Gewaltszenen, verschwörerischen Hinterzimmergesprächen, verliebter Zweisamkeit und verwüsteter Straßenkulissen mit einer Mischung aus auf Sparflamme zündelndem Interesse und auf das baldige Ende hoffender Höflichkeit zu. 50 Dead Man Walking will viel, aber hat dafür zu wenig Zeit. Zu wenig Zeit die Figuren ausreichend zu charakterisieren.

Figuren, die durchaus mehr Potential haben. Denn neben dem spionierenden Martin fasziniert vor allem auch sein britischer Verbindungsmann namens Fergus, der geheimnisvoll auftritt, bürokratisch inkorrekt handelt und mit einigen überraschenden Aktionen aufwartet. Gespielt von Ben Kingsley, der wie immer eine mentorenhafte Attitüde an den Tag legt (die hat er drauf), will man unbedingt mehr über die Hintergründe seiner Figur herausfinden. Der Fokus liegt aber leider auf seinem Lehrling, auch wenn Kari Skogland ein paar Fetzen innerer Befindlichkeiten von Fergus preisgibt. Der Faktor Zeit hindert sie daran ausreichend tief zu graben. Dieser im Endeffekt zu gehuschte, schnelle, durch die Story hetzende Erzählstil fordert seinen Tribut. Wie Dokumentationen meist nur einen Gesamteindruck vermitteln können, kratzt auch 50 Dead Man Walking nur an der Oberfläche. Nur das wir hier – trotz des dokumentarisch anmutenden Stils – eigentlich einen Spielfilm sehen, dem es daran gelegen sein sollte, den Zuschauer emotional mitzunehmen und narrativ zu packen. So bleibt leider die Erkenntnis, das es wohl bereits zu viele Werke gibt, die dem Nordirland-Konflikt gewidmet sind. Zu viele Werke, von denen nur wenige erinnerungswürdig sind. 50 Dead Man Walking von Kari Skogland kann man getrost wieder vergessen.

Mehr zu dieser Reihe in den sozialen Netzwerken unter #52FilmsByWomen und natürlich weiterhin hier bei mir.

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11 Antworten zu #52FilmsByWomen: (37) 50 Dead Man Walking von Kari Skogland

  1. headwritingle schreibt:

    Also vernichten kannst du schon mal. Deine Reviews sollte ich wohl häufiger lesen 🙂 Hat der Sturgess neben Cloud Atlas eigentlich groß Relevantes gemacht? Eine Bildungslücke?

    • Stepnwolf schreibt:

      Ich hätte jetzt nicht mal gewusst, das er bei „Cloud Atlas“ auch dabei war und hier hab ich sein Gesicht zwar erkannt, konnte es aber nicht zuordnen. Immer schlecht für einen Schauspieler.

      Und ich kann nicht nur vernichten (obwohl das mehr Spaß macht). Coppolas neuestes Werk habe ich liebevoll umarmt. 😉

      • headwritingle schreibt:

        Sofia C.? Beguiled? Da hab ich nicht soviel Gutes dran lassen können 😉

        • Stepnwolf schreibt:

          Du Kunstbanause, du…

          • headwritingle schreibt:

            Sagen wir mal so, ich mochte die visuelle Seite. Kamera, Sets, Kostüme, und die zweite Filmhälfte war auch ne recht flotte Angelegenheit. Aber im Ganzen halt Understatement bzw. Unaufgeregtheit auf ne dröge Art, dazu allerrudimentärste Figurenzeichnung. Ich meine, was bleibt tatsächlich inhaltlich, nachdem man den Film 2-3 Tage nicht gesehen hat? …Und dabei hatte er mit Sofia, Kirsten, Nicole und Colin eigentlich schon gewonnen…

          • Stepnwolf schreibt:

            Narrativ sind Coppolas Filme doch immer eher auf dem unteren Niveau und tiefgründige Figurenzeichnungen hat sie glaub ich außer bei „Lost in Translation“ bisher auch nur bedingt umgesetzt. Ich mag ja aber immer gerade ihre unaufgeregte Erzählweise. Dieses leicht tröpfelnde, vor sich hinrauschen der Bilder. Die stilsichere Untergrabung jedweder Form von Hektik. Ich fand „Beguiled“ sogar für Coppola-Verhältnisse rasant. Wenn man das bei einem Film der wertesten überhaupt sagen darf. 😉

          • Headwriting LE schreibt:

            Wer wird denn da The Virgin Suicides vergessen? Ich finde schon, sie kann mehr als nur gefällig.

          • Stepnwolf schreibt:

            Fehlt da nicht noch ein KIRSTEN vorweg? 😀

          • Headwriting LE schreibt:

            Ach stimmt, ne!? Die war ja da auch dabei… *ladida*

  2. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Eight | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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