#52FilmsByWomen: Winterjagd von Astrid Schult

Der Anfang kann durchaus gefallen. Astrid Schult führt den Zuschauer als Einstieg in den Wald. Ein junge Frau, deren Motive bis zu diesem Moment völlig unbekannt sind, bewegt sich zielstrebig auf ein einsam gelegenes Haus zu, übt zuvor jedoch erst einmal das Schießen mit einer Walter PPK. Was sind ihre Absichten? Mit welchem Vorsatz versucht sie sich Zutritt zum Anwesen zu verschaffen? Mit einem Hauch Grusel und Haunted House Atmosphäre spielt die Regisseurin und schiebt Winterjagd mit diesen ersten Bildern eher in die Mystery- und Horrorecke. Um dann das anfänglich aufgebaute Spannungsfeld komplett niederzureißen und durch ein Geflecht aus Dialogebenen zu ersetzen.

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Die Geister der Vergangenheit.

Dieser abrupte Wechsel von düster-unheimlich zu redselig-langwierig (nicht unbedingt langweilig) ist wie ein Riss in der gesamten Erzählstruktur. Als Zuschauer muss ich mich – gerade wohlig in meiner filmischen Nische bequem gemacht – wieder dort heraus begeben, um den nun auf einmal dialoglastigen Szenen die ihnen gebührende Gewichtung zukommen zu lassen. Das erfordert Anstrengung, weshalb Astrid Schult mit diesem Stilwechsel sicher einige eben noch aufmerksame Verfolger der Geschichte verliert. Stringenz ist was anderes. Winterjagd geht die sorgsam aufgebaute, atmosphärische Tiefe abhanden und wird zu einem Täter-Opfer-Spiel, in dem ständig die Positionen variieren. Beschimpfungen folgen auf Anfeindungen. Vorwürfe auf Missbilligungen. Versuchte Wahrheiten prallen an versteckten Lügen ab. Aus einem erhofften Haunted House Werk wird ein Kammerspiel in zwei Akten, an dessen Ende zwar die Geister der Vergangenheit konsequent ans Tageslicht der Gegenwart gezogen werden, aber gleichzeitig auch das Leben aller drei agierenden Figuren zerstört darnieder liegt.

Mit dem Schauspieler-Trio steht und fällt im Endeffekt der Film, weshalb es eine gute Entscheidung war sich auf Carolyn Genzkow, Elisabeth Degen und Michael Degen festzulegen, denn deren gelungene Charakterzeichnung haucht ihren jeweiligen Rollen das dringend nötige Leben ein. Genzkows Lena eröffnet forsch, fordernd und ohne Hemmungen den rhetorischen Reigen, verfängt sich nach und nach aber in den retournierenden Fängen ihres Gegenübers, der zuvorderst aus Anselm Rossberg, dem alten Vater und weniger aus dessen Tochter Maria besteht. Michael Degen mimt eine weise, vom Leben gezeichnete Person, mit Geheimnissen, die tief verschollen in seinen Erinnerungen wuchern und sich erst durch die Anwesenheit der jungen Lena ihren Weg bahnen. Seine Figur scheint unantastbar und auch für den Zuschauer lange Zeit – trotz der aufgeworfenen Vorwürfe – integer und ehrlich. Umso schwieriger ist der zum Finale hin erkennbare Umschwung, diese Kehrtwende hin zum unberechenbaren, unkontrollierbaren Momentum. Bleibt noch die Figur der Maria, die den Vater umsorgende Tochter, die mit der Familiengeschichte nur durch die Flucht in den Alkohol umzugehen weiß und ihre verdrängten Zweifel an der Unschuld des Vaters durch die Aussagen Lenas immer  mehr bestätigt sieht. Elisabeth Degen (auch im richtigen Leben die Tochter) spielt facettenreich und wird in ihrer emotionalen Verwirrung nur durch Carolyn Genzkow übertroffen.

Das Schauspielerensemble hebt das Spielfilmdebüt von Astrid Schult auf eine höhere Ebene als der abrupte Stimmungswechsel zuerst vermuten ließ und rettet Winterjagd über den Fauxpas des erzählerischen und atmosphärischen Stilbruchs hinweg. Sofern sich der werte Zuschauer schnell genug aus der erwähnten Nische erheben konnte.

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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2 Antworten zu #52FilmsByWomen: Winterjagd von Astrid Schult

  1. Miss Booleana schreibt:

    Klingt nicht ideal, macht aber neugierig!

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