#52FilmsByWomen: The Party von Sally Potter

Da stehen sie aufgereiht, mit einem Glas Champagner in der Hand, im Wohnzimmer und toasten der frisch die politische Karriereleiter nach oben gekletterten Gastgeberin zu. Und selbst dieser Moment offenbart seine ungehemmten Allergien und persönlichen Befindlichkeiten, die alle Gäste untereinander hegen und aneinander prallen lässt. Größtenteils verbal, nur einmal handgreiflich. Für letzteres befindet man sich erstens in einer zu bourgeois-dekadenten Gesellschaft und zweitens in zu intellektueller Runde. Hier wird mit Worten verletzt, aber das wahrlich nicht zu knapp. Die Dialoge, die Sally Potter dem Schauspielensemble in die Münder legt, bilden den Kernpunkt der ganzen Geschichte, die in The Party so galant und eindrucksvoll erzählt wird.

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Wir müssen reden!

Erzählt wird hier viel. Geredet, zerredet. Diskutiert, lamentiert. Sätze zerpflückt. Gedanken laut artikuliert. Emotionen schreiend serviert und leise gemurmelt. Spitzzüngige Kommentare präsentiert. Bedenken versteckt genuschelt oder lauthals ausgesprochen. Gedankenlos Meinungen verbalisiert. Mit Hintergedanken Stimmungen und Ansichten evoziert. The Party strotzt nur so vor redefreudigen Akteuren, denen ungemein smarte, kurze, knackige und auf den Punkt genau treffende Sätze von Sally Potter ins Drehbuch geschrieben wurden. Danke für diese exquisite, zu keiner Sekunde redundante Verwendung der Sprache in ihrer mannigfaltigen Ausprägung. Allein die gelungenen Dialoge lassen so viel Begeisterung für diesen Film entstehen, das es nur noch einer illustren, spielfreudigen Runde von Schauspielern bedarf, die jederzeit das Gefühl vermitteln, voll und ganz bei der Sache zu sein und in ihren Rollen zu versinken. Et voila! Genau das gelingt den Partygästen mit Bravour. Sally Potters Werk stellt keinen Akteur gesondert in den Mittelpunkt. Die Energie und der Drive der Erzählung basiert komplett auf der Interaktion der Figuren und deren so unterschiedlichen Charakteren, ihren Manierismen, ihren Gefühlsschwankungen, ihren Ängsten, ihren Einstellungen zum eigenen und dem Leben der anderen Anwesenden.

The Party geht dabei schnell in medias res, erlaubt sich keine Aufwärmphase, sondern stapelt die Enthüllungen, Vorwürfe und Offenbarungen abrupt und immer höher auf. Das komplette verbale Konstrukt schwankt mit zunehmender Höhe und schaukelt sich wild einem Finale entgegen, das alle – wirklich alle! – geläutert und mit Erkenntnis gesegnet (allerdings allein) zurücklässt. Wenn auch bei dem einen oder der anderen eher perplex und fassungslos, als so richtig erkenntnisreich. Als Zuschauer ist es ein Genuss alle Partygäste auf diesem Weg der Selbstfindung zu begleiten. Man schmunzelt über Szenen (Bruno Ganz als Gottfried ist köstlich). Man sinniert über bestimmte Handlungen (Cillian Murphys gehörnter Juppietyp mit Gewaltgedanken, die er partout nicht umsetzen kann, ist großartig gemimt). Man spekuliert über Beweggründe (Patricia Clarkson spielt die affektierte, arrogante, mit Worten verletzende April mit so viel Verve). Man möchte helfend zur Seite stehen (Emily Mortimer braucht dringend Zuwendung). Man feiert die Gesten und Mimiken (Timothy Spall spricht wenig und sagt damit so viel). Man verzweifelt an den eruptiv auftretenden Schwankungen (Kristin Scott Thomas als Gastgeberin zeigt unverblümt, wie egal ihr im Grunde die ganze Party ist). Man denkt an die Serie Transparent (und schuld ist Cherry Jones, deren Martha den gleichen Charakter wie in der Serie bedient). Man wundert sich wie schnell und kurzweilig siebzig Minuten vergehen können und wie viel The Party in dieser Zeit erzählend zerstört hat. Wie wenig von den zu Beginn vorgestellten Figuren noch übrig ist. Wie viel zerbröselt, in Fetzen und zersplittert daliegt und unwiderruflich verloren ist. Wie verdammt (fluchen muss erlaubt sein) brilliant Sally Potter ihre sorgsam gezeichneten Charaktere bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert und auseinander nimmt. Wie geschickt der Schachzug war, den Film in schwarzweiß zu drehen, um ja nicht visuell von den aufeinanderprallenden Wortsalven abzulenken. Wie clever die durchweg präsente Musik gleichzeitig nur als Hintergrundrauschen, aber punktuell in besonderen Situationen dominant in Erscheinung tritt.

The Party ist von der ersten bis zur letzten Minute amüsant und fordernd zugleich. Sally Potter gelingt in formvollendeter Manier ein rhetorischer Schlagabtausch par excellence in diesem exquisit besetzten Kammerspiel aufbrausender Emotionen. Diese Party ist das Event des Jahres und sollte man sich daher nicht entgehen lassen.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

 

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