#52FilmsByWomen: Das Leben danach von Nicole Weegmann

Dann sagt Sascha zu Antonia in seiner Verzweiflung und gleichzeitigen Wut nur noch: „Dir kann man nicht helfen. Du gibst keine Ruhe bis alles um dich herum in Schutt und Asche liegt.“ und subsummiert damit die bis zu diesem Zeitpunkt in jeder Szene gezeigten seelischen Zerstörungen, die sich die Protagonistin zuvorderst selbst, aber dadurch auch ihrer nächsten Umgebung zufügt. Das Leben danach geht den steinigen, den aufreibenden, den nervlich aufwühlenden Weg der Erkenntnis und lässt dabei links und rechts des Wegesrand nurmehr psychische Wracks liegen, die in ihren Versuchen wieder aufzustehen und weiter zu gehen, stolpernd auf den Weg gelangen, um sofort in den folgenden Crash zu geraten. Nicole Weegmann skizziert schonungslos die niemals heilenden, tiefen seelischen Narben eines vergangenen, tragischen Ereignisses und lässt dabei ihre Protagonistin ein ums andere Mal vor Wände laufen, die unüberwindbar scheinen.

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Life is Life.

Antonia wird dabei in all ihrer brachialen Selbstzerfleischung mit einer wuchtigen Präsenz von Jella Haase gespielt, die in Das Leben danach mit einer unmittelbaren Entschiedenheit, emotionalen Kompromisslosigkeit und ohne Rücksicht auf Verluste agiert und jeden in ihrem Abwärtsstrudel mitreißt. Aber auch mitreissend offen und ehrlich die völlige Hilflosigkeit ihrer Figur offenbart, die gefangen ist in der traumatischen Vergangenheit und nirgends genügend Halt findet, um den eigenen Zerstörungstrip wenigstens kurzzeitig stoppen zu können. Auch Sascha (Carlo Ljubek verleiht seiner Figur eine unnahbare, geheimnisvolle Aura), dessen traurige, melancholische Grundstimmung von Anfang an erahnen lässt, das da mehr zu verarbeiten ist als nur die Trennung von Frau und Sohn, kann Antonia nicht die nötige Unterstützung bieten, trotz der für ihn schmerzvollen Annäherungsversuche. Nicole Wegmann  lässt zwei hochgradig negativ konnotierte Pole aufeinanderprallen und wir wissen alle aus dem Physikunterricht, was das bedeutet.

Beide Figuren ziehen sich in ihrer negativen Grundeinstellung magisch an, um nur wenig später ein noch größeres Chaos zu hinterlassen. Insbesondere für sich selbst. Das dem Zuschauer schnell der Zugang zu beiden Charakteren gelingt, ist der Verdienst beider Akteure. Vor allem Jella Haase (deren Bekanntheit auf einer stupiden, ‚blonden‘ Chantal aus der Fack ju Göhte Filmreihe rekurriert) beweist in Das Leben danach mit Nachdruck, das sie zu den interessantesten, deutschen Nachwuchsschauspielerinnen der letzten Jahre gehört. Ihre Antonia stemmt den Film und strahlt auch im Zusammenspiel mit Carlo Ljubeks Figur des Sascha eine Lebendigkeit aus, die dem inneren Gefühlschaos und den äußerlich sichtbaren Intentionen konträr gegenübersteht. So widersprüchlich das klingt, so klar definiert artikuliert sie verbal und in ihren Aktionen die angestrebte psychische als auch physische Zerstörung. Allein dadurch funktioniert der Film in seiner konsequenten, negativen Grundstimmung. Die dunklen, düsteren, in schummriges Licht getauchten Bilder sind dann nur noch das i-Tüpfelchen des ganzen metaphorischen Endzeitszenarios, das Nicole Weegmann dem Zuschauer hier vorsetzt.

Das Leben danach zeigt unverblümt und in rauen, missmutigen Bildern das emotionale Verlorensein angesichts eines tragischen, traumatischen Ereignisses. Und auch wenn hier natürlich in einem Subplot die gesellschaftspolitische Kritik jederzeit mitschwingt, konzentriert sich der Film vorrangig auf die einzelne Person und deren Umgang mit der Vergangenheit, zeigt dabei die tiefen Zerwürfnisse und den Verlust der unbekümmerten Seele auf und platziert unverhohlen alle offenen, selbst zugefügten Wunden. Das Leben danach ist schmerzvoll und schmerzhaft, aber schnuppert in kurzen, kleinen Momenten so viel Willen zum (Über-)Leben und ist genau deshalb unbedingt sehenswert.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

 

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6 Antworten zu #52FilmsByWomen: Das Leben danach von Nicole Weegmann

  1. Volker A. Zahn schreibt:

    …vielleicht nicht unerwähnenswert, dass mit eva zahn als autorin (mit volker a. zahn) noch eine weitere frau maßgeblich am zustandekommen dieses films beteilgt war…

    • Stepnwolf schreibt:

      Das ist richtig. Meine Reihe konzentriert sich aber eher auf die Regisseurin, obwohl mir natürlich bewusst ist, das es eines guten Drehbuchs bedarf um überhaupt einen guten Film abzuliefern. Hier stimmte beides und noch einiges mehr. 🙂

      • Volker A. Zahn schreibt:

        Vielen Dank! Es ist aber auch immer wieder eine Freude, mit Nicole zu arbeiten!

        • Stepnwolf schreibt:

          Ich kenne von Frau Weegmann noch „Mobbing“, dessen Drehbuch m. W. nach auch von Ihnen beiden stammt? Der war auch schön auf den Punkt, was die Auseinandersetzung mit dem Thema betraf. Ich hoffe, da kommt zukünftig noch mehr Zusammenarbeit, scheint ja sehr gut zu funktionieren. 🙂

  2. Kittyzer schreibt:

    Eine schöne Rezension, vielen Dank dafür – ich achte ja, um ehrlich zu sein, kaum auf deutsche Filme, weshalb auch dieser an mir vorbei gegangen ist. Schade eigentlich! Das werde ich sicherlich nachholen, denn die Jella Haase mag ich definitiv auch (oder gerade) abseits ihrer Chantal-Rolle.

    • Stepnwolf schreibt:

      Ja, das ist das leidige Problem des noch immer schlechten Rufs deutscher Filme. Dabei gibt es da viel schönes und interessantes zu entdecken. Selbst Fernsehfilme können richtig gelungen sein, wie dieser hier zum Beispiel. Jella Haase ist besonders gut in „Kriegerin“, wo sie mir das erste Mal aufgefallen ist. Dann in „4 Könige“, den ich hier in der Reihe ja auch schon rezensiert habe. Und in einem Tatort (der Bremer, wenn ich mich nicht irre). Um ein paar Anregungen zu geben. 😉

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