#52FilmsByWomen: The Girl in the Book von Marya Cohn

In gewisser Weise haben wir es hier mal wieder mit einem Film zu tun, der viel Potential mitbringt, handwerklich solide in Bilder gegossen ist und mit einer starken Hauptfigur auftrumpfen kann. Der aber leider ein wenig an der zu konventionellen Erzählweise krankt, die zwar nicht verkehrt, aber eben auch nicht wirklich innovativ erscheint. Da es sich bei The Girl in the Book um das Debütwerk der Regisseurin Marya Cohn handelt, kann man dennoch ohne schlechtes Gewissen von einem gelungenen Einstand sprechen. Womit es sogar ein wenig schade ist, wie konsequent unbekannt der Film für den Großteil der filmsüchtigen Menschheit ist.

Book Girl

Wenn dich die Vergangenheit einholt…

The Girl in the Book kreist um die Figur Alice, die uns auf zwei Zeitebenen, die durch Flashbacks getrennt sind, begegnet. Die ältere Alice arbeitet als Lektorin in einem Buchverlag, schreibt seit einer gefühlten Ewigkeit an ihrem eigenen Buch, steckt aber in einer Schreibblockade und allgemein in einer ziemlichen Sinnkrise, die sie durch anonyme One Night Stands zu kanalisieren sucht. Zu emotionalen Bindungen ist sie nicht fähig. Emily VanCamp mimt diese Alice mit stoischer Miene, schaut ständig ein wenig depressiv missmutig drein, variiert aber auch ohne Probleme ihr silhouettenhaft oberflächliches Gehabe zu einem sensitivem Gefühlsoverload und verleiht ihrem Charakter dadurch eine natürliche, wenn auch schmerzhafte Tiefe. Ihre Bindungsangst und emotionale Kälte liegt in der Vergangenheit begründet, die eine lebensfrohe, offenherzige, gutgläubige Teenager-Alice zeigt, deren Bekanntschaft zu einem älteren Schriftsteller (der kürzlich verstorbene Michael Nyqvist changiert zwischen Mentoren- und Machorolle) zum einen ihr schreibendes Talent animiert und zum anderen ihr liebendes Herz aktiviert. Beides wird durch rüde Art und Weise zerstört und hinterlässt die seelischen Wunden, die zu tief vernarbt sind um einfach so zu verschwinden. Die junge Alice wird faszinierend frisch und unbekümmert und unschuldig von Ana Mulvoy-Ten interpretiert. Beide Alice-Figuren zusammen ergeben ein rundes Bild einer Frau, deren Vergangenheit sie in der Gegenwart einholt, überrumpelt und scheinbar erneut gebrochen zurücklässt, um dann doch emanzipatorisch befreiend zu triumphieren.

Die Hauptfigur ist die größte Stärke von The Girl in The Book. Marya Cohn verpasst beiden agierenden Schauspielern prominente Blickwinkel und einprägsame Bilder, verzettelt sich aber in der Erzählung in leicht goutierbare, wenig überraschende Handlungsstränge, was einem geübten und im Genre findigen Zuschauer schnell auffällt und das Sehvergnügen schmälert. Unvoreingenommen betrachtet lässt sich diese Form der Narration aber durchaus verschmerzen, eben weil die Figuren so wunderbar lebensecht geschrieben sind und natürlich auftreten. Das sich Marya Cohn dann auch noch für ein zu fröhliches Happy End ala Liebesfilm herablässt, ist zwar ein Stich ins Zuschauerherz. Zu diesem Zeitpunkt hat man Alice aber schon zu lieb gewonnen, um sich darüber tatsächlich noch aufregen zu wollen. Obwohl eine zwar persönliche Befreiung von den Altlasten ohne gleichzeitigem Allround-Jackpot (beruflich und privat) dem Gesamtkonzept des Werkes sehr viel besser zu Gesicht gestanden hätte. Aber hier kommt wohl wieder das Ich-bin-beim-Debüt-lieber-erzählerisch-konsensfähig der Regisseurin zum Tragen. The Girl in the Book bietet knapp neunzig Minuten solide Unterhaltung mit einer überraschungsarmen Geschichte, aber einer begeisternden Hauptfigur. Bleibt zu hoffen, das der konsequent unbekannte Film doch noch von der einen oder dem anderen Filmsüchtigen konsumiert wird. Verdient hat er es allemal.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

 

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