#52FilmsByWomen: (62) Mary Queen of Scots – Josie Rourke

Titel: Mary Queen of Scots
Regie: Josie Rourke
Produktionsland: Großbritannien
Jahr: 2018
mary stuart

Mary Queen of Scots (Quelle)

Your bravery will be your downfall

Reden wir zu Beginn kurz über die Musik, die in diesem Film das schafft, was oft nicht gelingt: hinter den Bildern zu verschwinden, ohne verschwunden zu sein. Max Richter versteckt in dezenten, kleinen, ruhigen Klängen eine hintergründige Präsenz, ohne viel Aufhorchen, aber dennoch mit Gespür für den richtigen Moment. Das ist wirkungsvoll, weil es die visuelle Dominanz nicht durchbricht, sondern sogar noch intensiviert. Denn wenn Mary Queen of Scots eines ist, dann vor allem bildgewaltig. Zum einen sind da die weit schweifenden Panoramabilder der schottischen Highlands. Karg, rau, kühl und unnahbar präsentieren die sich. Gleichzeitig aber auch schön, satt, voller Leben und Energie. Zum anderen fängt Josie Rourke ihre Figuren in durchkomponierten Settings ein, die in ihrer Anordnung stark an die Wurzeln der Regisseurin gemahnen, weil sie ungemein nah an Theatersettings erinnern. Jedes Objekt hat seinen Platz, jede Person wird so eingefangen, dass stets eine präsente Unmittelbarkeit besteht. Ein wahrer Augenschmaus. Ebenso gut schauen durchweg alle Kostüme der Protagonisten aus. Die Ausstattung erlaubt sich hierbei keine Fehler. Vereinzelt entstehen Bildkompositionen, die eins zu eins originaler Gemälde entlehnt sind. Jedes visuelle Detail sitzt, weil nichts dem Zufall überlassen wird.

Das schließt insbesondere die titelgebende Hauptfigur ein. Die schottische Regentin Maria Stuart wird zwar von einer irischen Schauspielerin interpretiert, aber Saoirse Ronan geht in dieser Rolle hundertprozentig auf. Sie sieht den Originalbildnissen der schottischen Thronerbin unglaublich ähnlich und überträgt dies natürlich auf den Zuschauer. Auch ihr Schauspiel überzeugt mit Hingabe an die Figur. Sie ist entschlossen, stark, ohne Skrupel und Bedenken, zeigt auf der anderen Seite aber auch eine Verwundbarkeit und Hilflosigkeit, ob der Machtspiele und Ränke aller anderen, die von ehrlicher Verzweiflung zeugt. Josie Rourke steigert die Identifikation mit der Hauptfigur durch ihre langen Close Ups, in denen allein die Mimik viel über das Gedankenkonstrukt verrät. Zu kurz in diesem Werk kommt aufgrund des gesetzten Fokus dagegen zwangsläufig die historische Gegenspielerin, die grundsätzlich nicht weniger konsequent in ihrem Auftreten war. Queen Elizabeth I. wird dargestellt von einer unter viel Maskerade verschwindenden und allzuoft extrem verletzlich und manipulierbar erscheinenden Margot Robbie. Mehr als die weibliche Nebenrolle ist ihr leider nicht zugedacht und irgendwie hat man die ganze Zeit über das Gefühl hier nicht die wahre Natur einer Königin zu sehen, die immerhin 45 Jahre Intrigen und Scharmützel regierend überstand. Zu eindeutig priorisiert erscheint Maria Stuarts Rolle.

Die eigentlichen Nebenrollen sind teilweise prominent besetzt, agieren ihren Charakteren entsprechend, dienen aber stets einzig als Motivation und Aggregat für die Handlungen der Protagonistin. Der gesamte Film ist drumrum gebaut um die Figur der Maria Stuart. Diese manifestierte personelle Präsenz beherrscht die Erzählung. Und erzählen kann man hier durchaus wörtlich nehmen, denn auffällig – und damit wiederum ein bezeichnendes Merkmal der Theaterherkunft der Regisseurin – ist die Wortdichte. Mary Queen of Scots versinkt in verbalen Wortgefechten. Ganze Hierarchien und historische Ereignisse werden wortgewaltig ausdiskutiert. Die Dialoglastigkeit artet mitunter in einer Dialoglästigkeit aus. Das zehrt an den Nerven und verlangt ständige Aufmerksamkeit, die dem Film ab und an ungeahnte Längen andichtet, die eigentlich gar nicht vorhanden sind. Als Fan wortreicher Werke kann man damit sicher umgehen. Dennoch fehlt dadurch in Gesamtheit ein wenig der Drive, der Esprit, das wuchtige Moment, das eigentlich Saoirse Ronan als Maria Stuart in persona so herrlich natürlich vorlebt. Hier zeigt sich der Film fast so kopflos wie am Ende die Protagonistin selbst.

Mehr zu dieser Reihe in den sozialen Netzwerken unter #52FilmsByWomen und natürlich weiterhin hier bei mir.

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2 Antworten zu #52FilmsByWomen: (62) Mary Queen of Scots – Josie Rourke

  1. Kittyzer schreibt:

    Eine tolle Rezension! Der Satz „Die Dialoglastigkeit artet mitunter in einer Dialoglästigkeit aus.“ hat mir besonders gefallen – auch wenn’s damit schade ist um die tolle Geschichte und die Schauspieler. Eigentlich wollte ich den Film mit einer anderen Schottland-begeisterten Freundin schauen, aber das hat nicht geklappt, also wird er es wohl auf DVD. Die Bilder wären auf der großen Leindwand sicherlich besser gewesen, aber wenn er manchmal ein bisschen zäh wird, ist das in heimischen Gefilden bestimmt ein wenig besser zu verkraften. Ich bin jedenfalls gespannt, vor allem auf Saiorse Ronan, die ich für eine der besten jungen Schauspielerinnen überhaupt halte.

    • Stepnwolf schreibt:

      Ja, die Bilder wirken auf der Kinoleinwand schon beeindruckend, aber auch eine Sichtung in den eigenen vier Wänden sollte visuelle Höhepunkte liefern. Und keine Angst, der Film ist zwar sehr dialoglastig, aber dennoch sehenswert. 🙂

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