Die k.u.k.-Monarchie: Marriage Story und Kat Frankie in KW 2/2020

Ich habe im zurückliegenden Jahr einige Konzerte besucht, die alle auf ihre eigene Art memorabel waren, aber leider nicht auf diesem Blog eine (wenn auch kleine) Würdigung erfahren haben. Mit dieser neuen Rubrik – die in Anlehnung an eine historische Allianz zweier Reiche als k.u.k-Monarchie betitelt ist – soll der Versuch unternommen werden, zeitnah die Konzerte in diesem Jahr (und hoffentlich fort folgend) zu resümieren. Und weil es mir ebenso ein besonderes Anliegen ist meine gesehenen Kinofilme aktueller zu rezensieren (und natürlich, weil das zweite ‚k‘ dieser Rubrik seine Berechtigung haben soll), werden ebenso diese Highlights hier ihren wohlverdienten Rahmen erhalten. So lasset die Spiele, pardon, die Rezensionen beginnen…

KINO

Wann: 06.01.2020 — Wo: Zazie Kino & Bar Halle — Was: Marriage Story (OV, 2019)

Szenen einer Ehe. Oder vielmehr Szenen einer Scheidung. Das zeigt uns Noah Baumbach und seziert dabei weniger die beiden Protagonisten namens Nicole und Charlie, sondern eher die sie umgebenden, auf das sich in der Trennung befindliche Paar einwirkenden Personen, allen voran die (über)engagierten Anwälte, die sich nach und nach hochschaukeln und das zu Beginn des Films noch so standhafte, rationale Handeln von Nicole und Charlie konterkarieren. Wirkt Marriage Story anfänglich noch als Musterbeispiel einer gütlichen Trennung zweier sich auseinander gelebt habenden Menschen, zerbröckelt dieses Gerüst zusehends, bekommt Risse und Löcher, aus denen die zugefügten emotionalen Wunden der Vergangenheit hervortreten. Erst langsam tröpfelnd, um sich dann abrupt Bahn zu brechen. Besonders intensiv und deutlich inszeniert Baumbach diesen emotionalen Schwall in einer Streitszene, die beiden Akteuren das Äußerste abverlangt und in der beide die ganze Wucht der angestauten Gefühle befreien – verbal und körperlich, mit vollem Einsatz – um am Ende leer und abgekämpft in sich zusammenzufallen. Spätestens hier wird allen Zuschauern die auf höchstem Niveau vorgeführte Intensität des Schauspiels sowohl von Scarlett Johansson, als sich aus der Ehe emanzipierende und sich mit der neuen Freiheit arrangierende Nicole, als auch von Adam Driver, als sich dem Chaos ergebenden, nach einem Anker in der tosenden, wütenden See suchenden Charlie bewusst. Insbesondere Driver treibt seine Figur immer tiefer in einen Strudel widerstrebender Gefühle und Aktionen, mit dem hoffnungslosen Ziel einer späten Einsicht und Versöhnung. Die zwar nicht kommt, aber immerhin zum Finale eine mildernde Abfederung erfährt, die ein Stück weit als Happyend angesehen werden kann. Auch wenn Baumbach so etwas mitnichten im Sinn hat!

Marriage Story lebt von den ständig unter Strom stehenden Figuren. Neben dem sich in Auflösung befindlichen Paar, können vor allem Laura Dern als toughe, feministische, selbstbewusste Anwältin glänzen, deren juristischer Gegenpart vom schleimigen, extrem rabiaten Ray Liotta verkörpert wird. Beide würden über Leichen gehen, um das bestmögliche Ergebnis herauszuschlagen. Und in keinem Moment ist es unklar, dass es natürlich um das bestmögliche (monetäre) Ergebnis für sie selbst geht. Auf der Strecke bleiben Moral und Anstand sowie leider auch der Sohn des Paares, der im wahrsten Sinne des Wortes zum Streitobjekt degradiert wird, ohne irgendwelche offensiven Akzente setzen zu können. Spielball trifft es wohl am ehesten. Baumbach feuert ein Dialoggewitter auf das (hoffentlich) aufmerksam folgende Publikum ab, lässt Köpfe aneinander prallen, deren Argumente sich gegenseitig übertrumpfen, findet aber trotzdem die Balance kleine, feine Ruhepole zu schaffen, in denen der Zuschauer das gerade Erlebte verdauen kann, bevor die nächste Runde eingeläutet wird. Marriage Story ist forderndes Kino voller Kraft und Energie und ebenso viel Wut und Entrüstung über die dargestellten Momente einer sich auflösenden Ehe. Wäre der Film ein Musikstück, würde jede Minute mehr die harmonische Melodie der Liebe den dissonanten Klängen des Chaos weichen. Eine Melodie, die dem Verfall immer näher kommt und letztendlich in einer Kakophonie enden will, in der nur ein leiser Ton der Hoffnung zu vernehmen ist.

KONZERT

Wann: 10.01.2020 — Wo: Peterskirche Leipzig — Wer: Kat Frankie

Wahrscheinlich war die Kirche noch nie so voll. Auf jeden Fall waren wohl noch nie so viele Menschen bei einem ihrer Konzerte in Leipzig. Das zumindest war der O-Ton von Kat Frankie, die gekommen war, um in außergewöhnlicher Kulisse einen außerordentlich ungewöhnlichen, musikalischen Abend zu bieten. BODIES heißt ihre A capella Tour. Und körperlich war die Aufführung alter und neuer Songs aus ihrem Oeuvre wahrlich. Mit der Unterstützung sieben weiterer sangesbegabter Damen und dominiert von der bekannten, ein wenig rauchig-markanten Stimme der australischen Wahlberlinerin, verwandelte sich die Peterskirche zu Leipzig für knapp 85 Minuten in eine Mischung aus Tanzchoreografie und Musicaleinlagen, stets getragen von den auch in diesen reduzierten, ohne Instrumente auskommenden Versionen, immer noch genug Stahlkraft produzierenden Stücken. Wobei – so ganz ohne Instrument ging es dann doch nicht. Wenn man denn den missbräuchlichen, aber klangtechnisch durchaus effektvollen Einsatz von Ventilatoren als Quasi-Musikinstrument instrumentalisieren will, die meinen konzertanten Jahresauftakt in Textzeilen wie „every january is a boring summer“ kleideten. Kat Frankie hatte durchweg Spaß, wie die eingestreuten Anekdoten in ihrem sympathischen deutsch-englischen Sprachmischmasch bewiesen. Das zu Beginn etwas verhaltene Publikum taute mit zunehmender körperlicher Präsenz und deren vollumfänglichen Einsatz auf der Bühne nach und nach auf, so dass zum Ende auch alle in kollektive Standing Ovations einstimmten. Mehr Körperlichkeit konnte man zumindest den lauschenden Zuhörern (und staunenden Zuschauern) nicht abverlangen. Davon war auf der Bühne aber auch mehr als ausreichend zu bewundern und vor allem – trotz fehlender instrumentaler Begleitung – lautstark zu vernehmen. BODIES ist eine musikalische Erfahrung der besonderen Art, die so viel öfter erlebbar sein sollte. Gern auch wieder in einem gehoben-sakralem Ambiente wie der Peterskirche, wo das Besondere gleich noch einmal besonderer erscheint.

Auf BODIES Tour auch noch hier: 23.04. Köln / 27.04. Berlin
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8 Antworten zu Die k.u.k.-Monarchie: Marriage Story und Kat Frankie in KW 2/2020

  1. singendelehrerin schreibt:

    Coole Idee! 👍🙂

  2. Nummer Neun schreibt:

    Oh Marriage Story habe ich genau heute abend auch gesehen, allerdings schon auf Netflix – wusste gar nicht, dass er auch eine Kinoauswertung erhalten hat. Kann deinen Text aber genau so unterschreiben und mir vorstellen, dass er auf der großen Leinwand noch etwas intensiver war.

    Falls die singendelehrerin mit dabei war, hat sie hoffentlich auf den Großen Nagus Zek in einer Nebenrolle hingewiesen.

  3. Wörter auf Reise schreibt:

    Eine tolle Rezension zu marriage story! Habe den Film gestern gesehen und er hat mich sehr beeindruckend, hat mich emotional sehr eingenommen und war grandios gespielt, stellenweise musste ich trotz der Dramatik auch lachen, was ich mochte und das halbe happy end war perfekt für den Abschluss des Films 🙂

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