Die k.u.k.-Monarchie: 1917 und Weathering with you in KW 3/2020

KINO

Wann: 16.01.2020 — Wo: CinemaxX Halle — Was: 1917 (OV, 2019)

Für Filme wie 1917 wurde die Phrase ‚Ganz großes Kino‘ erfunden, denn in ebensolchen funktioniert ein Werk, das vorrangig auf das Auge abzielt, natürlich umso beeindruckender. Sam Mendes und insbesondere sein bereits oscargekrönter Kameramann Roger Deakins fabrizieren Szene für Szene Bilder voller (aufgrund des Themas eher abschreckender) Intimität. Mit einer bis ins kleinste Detail angereicherten Ausstattung und visueller Opulenz erschaffen beide eine kriegsdurchtränkte Szenerie, die in den allerbesten Momenten so real wie dokumentarische Aufnahmen wirken und in den schlechtesten Momenten noch immer eine immense Strahlkraft und augenöffnende Faszination erzeugen. Und das alles für ein Sujet, das von Tod, Verwesung, Dreck und Zerstörung geprägt ist sowie einem im Grunde auf Schritt und Tritt hoffnungslosem Terrain spielt. Schritt und Tritt kann dabei durchaus wortwörtlich verstanden werden, denn die zweite technisch perfekt umgesetzte Ebene bildet das Grundkonzept der Erzählung. Die Kamera folgt den Protagonisten genau so – auf Schritt und Tritt – durch Schützengräben, das verwahrlost-verwaiste Niemandsland zwischen den Fronten, Wälder, reißende Flüsse und mit Ruinen übersäte Stadtsilhouetten. Stets nah dran. Wie der imaginäre dritte Mann des kleinen Himmelfahrtskommandos. Das verstärkt den ohnehin gewonnenen dokumentarischen Charakter von 1917 noch einmal. Der Mittendrin-als-Jedermann-Effekt zeichnet sich auch dadurch aus, dass mit George MacKay und Dean-Charles Chapman zwei (zumindest mir) unverbrauchte Gesichter die Hauptfiguren mimen.

Durchbrochen wird dieser erzeugte Dokustil dann durch die kurzen, prominenten Auftritte einzelner, hinlänglich bekannter Gesichter, die uns aus der visuellen Flut – in die wir so schnell und gern eingetaucht sind – kurzzeitig herausreißen und uns klar machen, es hier eben doch mit einem technisch professionellen, visuell brillanten und musikalisch klassischen Kinofilm zu tun zu haben. Diese angesprochenen Faktoren sind (oder überlagern?) dann nämlich im Endeffekt das ‚Problem‘, was sich auf erzählerischer Ebene ansiedelt. Die Geschichte selbst passt auf den berühmten Bierdeckel und bietet den stringenten, überraschungsarmen Verlauf eines typischen Heldenepos inklusive dem sich daraus ergebenden Finale. Die auf dem Weg zum Ziel unweigerlich auftretenden Hindernisse und (was schwerer wiegt) Verluste, bekommt der geneigte Zuschauer zwar mit, lässt sich aber, bedingt durch die oben als so dominierende Aspekte angeführten filmtechnischen Elemente, nur sehr schwer emotional darauf ein. Bedingungslos-schonungsloses Mitgefühl für die Protagonisten will sich einfach nicht einstellen. Emotional lässt einen 1917 verwundet in irgendeinem Krater des Niemandslands liegen, ohne Hoffnung auf Rettung in Form von Involviertheit. Was Sam Mendes technisch meisterhaft zusammenbaut, reißt er erzählerisch wieder ein Stück weit ein. Es ist fast so wie die zehn Meter Raumgewinn der unaufhörlich angreifenden Truppen, die mit dem nächsten Gegenschlag auch sofort wieder verlorengehen. So bleibt ein visuell beeindruckendes Gesamtbild eines Films, dessen erzählerische Tiefe leider im Schützengraben stecken geblieben ist.

KINO

Wann: 19.01.2020 — Wo: CinemaxX Halle — Was: 天気の子 – Weathering with you (2019)

Es regnet, ständig und ohne Unterlass. Tokio ertrinkt in Tropfen. Großen, kleinen, dicken, dünnen. Nur ein junges Mädchen kann diesem unaufhörlichen Regenguss Einhalt gebieten, indem sie der Sonne zugewandt in ein stilles Gebet versinkt – das Sonnenscheinmädchen. Doch jede Gabe hat ihren Preis und den zu bezahlen, ist nicht jede/r bereit. Besonders dann nicht, wenn die Liebe ins Spiel kommt.

Makoto Shinkai verzaubert nach Your Name erneut mit einer wundervollen, kleinen Geschichte von Emanzipation, Coming-of-Age und erste Liebe. Weathering with you erzählt die Geschichte des Sonnenscheinmädchens aus der Sicht des in die Großstadt entflohenen Protagonisten Hodaka, der sich im überteuerten Tokio mehr als nur ein Bein ausreißt, um auf Dauer dort Fuss zu fassen, dabei große Hürden überwinden muss, bis er über einen Redakteursjob sowohl Unterkunft als auch Auskommen erlangt und in Folge dessen auf die mysteriöse Hina trifft, die als sogenanntes Sonnenscheinmädchen das Wetter beeinflussen kann. Shinkais Anime findet zu Beginn neben der Sozialkritik auf ein luxuriöses, finanziell anspruchsvolles Leben in der Großstadt Tokio vor allem auch beeindruckend realistische Abbilder von Orten und Szenerien der japanischen Hauptstadt, die selbst dem unkundigen Mitteleuropäer schon über den Weg gelaufen sind. Tokio zeigt die zwei Seiten einer Medaille: da die schillernd-bunte, von Menschenmassen überflutete Stadt, dort die dunklen, schmutzigen, kleinen Seitengassen, in denen das Überleben nur schwer zu bewerkstelligen scheint. Mittendrin Hodaka, dessen anfängliche Pechsträhne mit jedem weiteren Tag an der Seite des Sonnenscheinmädchens in unendliches Glück mutiert. Die Bilder werden heller, freundlicher, farbenfroher, trotz tristem Regen hellt sich auch Hodakas Gemüt auf. Weathering with you bietet gängige moderne, manchmal extrem quietschbunte Bilder, die werbewirksam von Klängen der J-Rock Band Radwimps (die bereits Your Name musikalisch untermalten) begleitet werden, deren Titelsong stellenweise jedoch etwas zu penetrant den Film durchzieht. Gleichzeitig bindet Shinkai aber auch wieder eine übersinnlich-mystische Ebene ein, wenn er die Sage vom Sonnenscheinmädchen in die Jetztzeit verortet, um damit seine Liebesgeschichte zu ummanteln und gleichzeitig ein Stück weit die Gesellschaftskritik des ökonomischen Raubbaus der vom Turbokapitalismus getriebenen  Menschheit zu kritisieren. Viel Stoff für einen Anime, weshalb zwangsläufig manche angerissenen Themen nur beiläufig behandelt werden und spätestens mit der fantastischen Ebene vollends in den Hintergrund rücken. Hier ist der Film in seiner kritischen Aussage – die durchaus Relevanz hat – nicht eindeutig genug und fokussiert zunehmend auf die einfache, universelle – nichtsdestotrotz wunderbar bebilderte – Liebesgeschichte. Wer der Erzählstruktur und den Bildern in Your Name bereits positive Aspekte abgewinnen konnte, sollte auch mit Weathering with you (bei dem ein leicht schockender Twist, wie der des Vorgängers, ausbleibt) vergnügliche Kinomomente verbringen können.

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7 Antworten zu Die k.u.k.-Monarchie: 1917 und Weathering with you in KW 3/2020

  1. blaupause7 schreibt:

    Ich glaube, ich hätte lieber den zweiten Film von diesen beiden.

  2. singendelehrerin schreibt:

    Ach ja, du hast das alles wieder so hoch poetisch ausgedrückt, dass mir meine paar Worte zu „1917“ äußerst profan und nichtssagend erscheinen. Will meinen: Toll geschriebene Kritiken! ❤

  3. donpozuelo schreibt:

    Mit dem Tiefgang bei „1917“ geb ich dir Recht. Zum Glück fällt einem das irgendwie erst später auf, wenn der Film schon vorbei ist.

    Weathering with you fand ich okay. Wie du schon sagst, da hätte man mit vielen Story Elementen mehr machen können.

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