#52FilmsByWomen: (64) The Farewell – Lulu Wang

Titel: 別告訴她 – The Farewell
Regie: Lulu Wang
Produktionsland: USA
Jahr: 2019

Diese Geschichte basiert auf wahren Lügen.

Bereits der Auftakt macht die besondere Beziehung zwischen Enkelin Billi und Großmutter Nai Nai klar. Man spürt die Vertrautheit, die gegenseitige Zuneigung und das aufmerksame Zuhören, wenn die Person gegenüber spricht. Und das trotz der großen räumlichen Entfernung, die zwischen beiden Hauptfiguren besteht. Das  ein sofortiges Wohlgefühl aufkommt, ist vor allem den beiden Akteuren zu verdanken. Awkwafina verkörpert die offene, emanzipierte, dem Leben zugewandte und mit einer eigenen Meinung ausgestattete Billi zu Beginn recht kompromisslos, wird nach und nach aber von den traditionell geprägten Intentionen der restlichen Familie vereinnahmt und fügt sich dem Schicksal, das aufgebaute Lügenkonstrukt aufrecht zu erhalten. An ihrer Seite findet sich eine rigorose, dominante, forsche und trotz des Alters stets hellwache Nai Nai, fabelhaft interpretiert und zum Leben erweckt von Shuzhen Zhao. Es ist kaum vorstellbar, dass zwischen diesen beiden etwas Unausgesprochenes, Verheimlichtes oder Unwahres vorhanden sein könnte. Dennoch ist es so!

Damit sind sie aber mitnichten die einzigen in diesem spielfreudigen Ensemble, in dem jeder auf seine Art ein kleines oder auch größeres Geheimnis mit sich herumschleppt. Viele davon werden auch am Ende den Weg ins Licht der Wahrheit nicht finden. Die Gespräche, von denen im Verlauf der knapp hundert Filmminuten einige durchaus intensive und mitunter auch aggressive zu bewundern sind, suggerieren allerdings unumwunden, dass so ziemlich jeder über die jeweils andere wahre Lüge Bescheid weiß. Die Dialoge fördern diese aber einfach nicht zu Tage. Umso mehr wirken daher die mimischen und gestischen Äußerungen und Aktionen. Ein Blick vermittelt in The Farewell tatsächlich mehr als tausend Worte. Auch wenn die hier sicher zusammenkommen, denn geredet (und gegessen) wird ständig. Ohne jedoch wirklich etwas zu sagen. Ohne wirklich etwas sagen zu können oder zu wollen. Das kann frustrieren und entlädt sich dann in, für die nicht Eingeweihten, kurios anmutende, emotionale Ausbrüche oder provoziert spontan ein Schmunzeln beim Zuschauer, ob der Doppeldeutigkeit des gerade Gezeigten.

Lulu Wang führt ihre Protagonisten durch dieses Netz an Lügen (und lässt den Zuschauer zwischenzeitlich kopfschüttelnd stehen), balanciert dabei stellenweise auf einem dünnen Drahtseil zwischen Herzschmerz-Dramatik und persiflierender Komik (die den Zuschauer wieder auf den Boden der Tatsachen – bestückt mit einem Lügenteppich – zurückholt), tariert aber nahezu fehlerfrei immer wieder die Wohlfühlmitte aus. Weshalb dem geneigten Zuschauer am Ende zwar bewusst wird, dass The Farewell weder eine Katharsis, noch eine Befreiung von all den Lügen bietet, sondern im Kern nur den unbedingten Wunsch danach aufzeigt, ohne diesen jemals wahrhaftig in die Tat umzusetzen. Man aber dennoch mit einem zufriedenen Lächeln und nicht fern vom erlösenden Schrei Billis das Ende und die gesamte wahre Lügengeschichte zu würdigen weiß.

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4 Antworten zu #52FilmsByWomen: (64) The Farewell – Lulu Wang

  1. donpozuelo schreibt:

    Den will ich auch unbedingt noch sehen

  2. mwj schreibt:

    Wunderschönes Review. Danke an den Wolf! 🙂

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