Die k.u.k.-Monarchie: Richard Jewell und Poliça in KW 9/2020

Ich habe im zurückliegenden Jahr einige Konzerte besucht, die alle auf ihre eigene Art memorabel waren, aber leider nicht auf diesem Blog eine (wenn auch kleine) Würdigung erfahren haben. Mit dieser neuen Rubrik – die in Anlehnung an eine historische Allianz zweier Reiche als k.u.k-Monarchie betitelt ist – soll der Versuch unternommen werden, zeitnah die Konzerte in diesem Jahr (und hoffentlich fort folgend) zu resümieren. Und weil es mir ebenso ein besonderes Anliegen ist meine gesehenen Kinofilme aktueller zu rezensieren (und natürlich, weil das zweite ‚k‘ dieser Rubrik seine Berechtigung haben soll), werden ebenso diese Highlights hier ihren wohlverdienten Rahmen erhalten.

KINO

Wann: 28.02.2020 — Wo: Cinema München — Was: Richard Jewell (Sneak, OV, 2020)

Vom Paulus zum Saulus. Was als Heldengeschichte seinen Anfang nimmt, wandelt sich schnell zu einer tragischen Treibjagd, an dessen Ende die vermeintliche seelische und moralische Zerstörung nicht nur der titelgebenden Hauptfigur, sondern vor allem auch der partizipierenden staatlichen Institution namens FBI, der nach Auflagen heischenden Medien und der geifernden Massen steht. Richard Jewell wird zum Spielball all dieser sich multiplizierenden Kräfte und droht darin ohne Hoffnung auf Rettung zu versinken. Beeindruckend konsequent verkörpert Paul Walter Hauser diesen Jewell, der als vermeintlich gescheiterte Existenz, ausgestattet mit einer naiven Gutmensch-Attitüde und stets an die Wahrheit und Ehrlichkeit der Regierungsinstanzen glaubend, nach und nach in den Strudel der Ereignisse gezogen wird, aus denen er nicht mehr wirklich herauszukommen scheint. Beeindruckend konsequent agiert aber auch die Gegenseite, in Form des ermittelnden Agenten Shaw (gemimt vom aalglatt und rücksichtslos vorgehenden Jon Hamm), der für die schnelle und effektive Aufklärung des Falles die eine oder andere unlautere Methode anwendet, ohne dabei mögliche Fehlinformationen in Betracht zu ziehen. Ebenso beeindruckend konsequent springen die Medien und aufgrund deren Berichterstattung natürlich auch die breite Masse auf den bereits unaufhaltsam rollenden Zug der Stigmatisierung des Protagonisten auf. Regisseur Clint Eastwood gelingt durch die langsam sich aufbauende Erzählung zum einen eine rasche Identifikation mit seiner Hauptfigur und zum anderen die damit einhergehende Empathie für Richard Jewell. Der Film bezieht eindeutig Stellung und lässt keine Zweifel daran, wer hier das Opfer und wer der Täter ist. Unterstützt wird der Zuschauer in seiner Entscheidung, dem Protagonisten seine Sympathien zu schenken, durch den Anwalt von Jewell. Dessen unablässiges Engagement für seinen Mandanten überträgt sich auf den Rezipienten des Werkes, nicht zuletzt begründet durch einen in dieser Rolle großartig und spielfreudig auftretenden Sam Rockwell.

Richard Jewell nutzt ein plausibles, historisches Ereignis, dessen Relevanz gerade in der heutigen Zeit ungebrochen ist, um der Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht zu halten. Der Film fokussiert auf seine titelgebende Figur und arbeitet anhand dessen innerer und äußerer Zerstörung durch die gesellschaftlichen Kräfte den generellen Umgang mit Wahrheit und deren dehnbarer Auslegung ab, ohne das Versagen staatlicher Organisationen zu vernachlässigen, aber auch ohne ein eindeutiges Happyend zu zelebrieren. Denn das war dem zu unrecht verdächtigten Jewell im wahren Leben zwar teilweise vergönnt. Aber leider konnte er das erlittene Trauma nie vollends verdauen und verstarb bereits zehn Jahre nach den Ereignissen, die ihn als Protagonisten auserkoren hatten.

KONZERT

Wann: 29.02.2020 — Wo: Feierwerk, Hansa 39 München — Wer: Poliça

Regnerisch und feucht war der Abend des Poliça Konzerts. Glücklicherweise nur vor der Tür des Feierwerk, dass sich mit nahendem Auftritt von Vorturnerin Channy Leaneagh und ihrer Band, bestehend aus Bassist und Doppel-Schlagzeug, mehr und mehr in ein enges, kuschlig warmes Menschengewimmel verwandelte. Ein Gewimmel, dass sich im Takt des trommelnden Rhythmus und des permanent wummernden – leider leicht übersteuerten – Bass leicht hin- und herwiegte. Der dominante Bass nahm den Songs gerade in den schnellen, tanzbaren Parts doch ein wenig die Wucht, weil selbst zwei Schlagzeuger dieser Allgewalt nur wenig entgegensetzen konnten. Gerade aber die Schlagwerke stellen seit den ersten Stunden der Band, neben Ms. Leaneaghs präsenter, elektronisch verzerrter – und doch in kurzen, ruhigen Momenten auch glasklar reiner – Stimme, das eigentliche musikalische Grundgerüst dar. Weshalb dieses Manko den Hörgenuss doch einschränkte und der Gesamtperformance einen faden Beigeschmack gab, den das durchaus engagierte Spiel aller Bandmitglieder nicht verdient hatte. Trotz des Punktabzug in der B(ass)-Note konnten die dargebotenen Liedinterpretationen ihren bekannten Charme ausspielen. Insbesondere die ‚alten‘ Klassiker des (noch immer besten) ersten Albums von Poliça wie Dark Star und Wandering Star haben nichts an ihrer melodiösen Strahlkraft verloren und waren dementsprechend kleine, memorable Highlights. Wenn es Ms. Leaneagh dann auch noch schaffen würde kommunikativere Publikumsmomente zu produzieren, bliebe der Münchner Auftritt vielleicht doch noch länger in Erinnerung und hätte somit die regnerischen Augenblicke überflügelt. So bleibt nur ein zwar kurzweiliger, aber an Höhepunkten recht armer Konzertabend im Gedächtnis.

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