Die k.u.k.-Monarchie: Undine in KW 29/2020

KINO

Wann: 15.07.2020 — Wo: Puschkino Halle — Was: Undine (2020)

Wenn du mich verlässt, dann muss ich dich töten. So sagt sie es ihrem Gegenüber, der gerade im Begriff ist, mit ihr Schluß zu machen. Sie heißt Undine (interpretiert von Paula Beer) und folgt man der mythologischen Figur, deren Namen die Protagonistin trägt, muss Undine eben genau dies tun, weil sie nur dann als Mensch unter Menschen leben kann, wenn sie liebt und in einer festen Bindung lebt. Ansonsten bleibt ihr nur die Rückkehr zu ihrem Ursprung, dem Wasser, in dem sie ihren Anfang nahm. Unsere Undine ist in einem urbanen Umfeld verankert. Ihr alltägliches Leben ist durch Arbeit geprägt. Freunde, Freizeit oder Hobbys scheint sie nicht zu haben. Nur das dringende Bedürfnis geliebt zu werden, ohne Kompromisse und mit allen Sinnen. Christoph (gemimt von Franz Rogowski) tut genau dies – nichtsahnend welcher Urgewalt er sich damit aussetzt.

Christian PetzoldUndine versprüht von Beginn an einen verstohlenen, huschenden, ruhig sezierenden Erzählstil. Der Regisseur folgt seiner Protagonistin auf Schritt und Tritt, fängt sie in Großaufnahmen ein, in denen die suchende Seele jederzeit durchschimmert, geht auf Distanz, um die geheimnisvolle Unsicherheit zu verstärken und liefert dadurch ein unvollkommenes, geradezu geheimnisumwittertes Bild seiner Hauptfigur. Paula Beer scheint wie geschaffen, um diese silhouettenhafte, mysteriös-verschlossene, gedankenverlorene Undine zu charakterisieren. Ihr Schauspiel ist präzise, entrückend und wirkt kühl-elegant. Das hat sie – zumindest hier in diesem Werk – mit Petzolds früherer Muse Nina Hoss gemeinsam, was mit Sicherheit ein ausschlaggebender Punkt war, gerade sie als Undine zu wählen. Ihr Gegenpart, die treue Seele, der zuvorkommende, überhöfliche, zurückhaltend agierende Christoph wird von einem jederzeit präsenten und gerade in den emotionaleren Momenten bravourös aufspielenden Franz Rogowski verkörpert. In Kombination beider Akteure entwickelt sich ein Sog, der den Zuschauer in die Geschichte eintauchen lässt – wortwörtlich wie auch metaphorisch. Petzolds Bilder unterstützen den märchenhaft vorangehenden Plot durch entsättigte, mitunter verschwommene Farben, die sich wie selbstverständlich in die ohne Hast, mit einer stillen Anmut erzählten Liebesgeschichte zweier verloren geglaubter Seelen einfügen. Wir folgen deren Schicksal, das zwar aufgrund der Affinität zum Element Wasser und der etwas anormalen Namensgebung der Protagonistin sagenhafte (!) Anleihen nimmt, sich aber in der gegenwärtigen Zeit und mit den darin auftretenden Problemen verortet sieht. Eine übernatürlich-mythologische Ebene scheint nicht in Sicht. Bis Petzold genau das hervorzaubert, was sein gesamtes Oeuvre durchzieht: Der Augenblick, in dem die im Hier und Jetzt agierenden Figuren ohne Vorwarnung auf eine tiefere, magischere Oberfläche zusteuern, die der erzählten Geschichte diesen kleinen, etwas fernab der Norm laufenden Effekt verleiht. Alles bleibt vage, bewegt sich auf schwammigem Untergrund, versetzt den Zuschauer am Ende der Reise in den nachdenkenden, darüber hinausdenkenden Modus, in dem dieser verharrt bis die letzten Klänge des Abspanns im Nirgendwo verschwinden. Fast so wie Undine.

Undine unterstreicht erneut Christian Petzolds Gespür für die leisen Töne, für die kleinen Geschichten mit ihren interessanten, wenn auch nur vakant skizzierten Figuren, für die Melange aus Bild und Ton, die beide in unnachahmlich verzaubernder Art sowohl alltägliche als auch träumerische Situationen provozieren. Mit Paula Beer und Franz Rogowski agiert ein Duo, dass in jeder Filmminute lebenshungrige Lebendigkeit mit apathischer Abwesenheit kombiniert und dabei magische Momente fabriziert, die so nur in einem klassischen, waschechten, petzoldischen Werk funktionieren können.

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3 Antworten zu Die k.u.k.-Monarchie: Undine in KW 29/2020

  1. mwj schreibt:

    Den Film erlebte ich gestern vor einer Woche im Open-Air-Kino:
    https://www.kino.vieraugen.com/kino/undine-2020/

  2. Miss Booleana schreibt:

    Leider im Kino verpasst *Seufz* …. nach deiner Besprechung zu urteilen, ist der Film so wie ich mir den erhofft habe. 🙂

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