Die Resterampe – Was vom Beitrag übrig blieb

Die Resterampe dient als kurze Reflexion über all jene Werke, die ich gern ausführlich rezensiert hätte, aus diversen Gründen jedoch versäumt habe (oder versäumen musste). 

Da ist noch ein bisschen was liegen geblieben im letzten Jahr. Immerhin hatte ich ja erfolgreich am #Horrorctober teilgenommen und darüber auch teilweise berichtet. Aber ein paar der konsumierten Filme sind noch offen. Weshalb dazu in der Resterampe nun ein, zwei Worte fallen werden.

Shivers (1975)

Ein früher David Cronenberg, der bereits alle Elemente seiner späteren Werke auf Low Budget Niveau abbildet. Natürlich geht es um Kreaturen, die sich innerhalb des menschlichen Körpers entwickeln und als Parasit dessen Emotionalität und hier insbesondere den Sexualtrieb steuern. Body Horror in typischer Cronenberg-Manier mit ein paar ekligen Szenen zum Dessert und als Hauptspeise viel nacktes Fleisch zur Beschau. Der begrenzte Raum des Hochhauses verursacht stellenweise durchaus klaustrophobisch-ausweglose Momente. Zum Schauern ist der Film allerdings nur bedingt geeignet.

Mujer lobo – She Wolf (2013)

Gleich vorweg: Es handelt sich trotz der Prämisse, dass die Protagonistin anscheinend ein Werwolf ist, um keinen wirklichen Horrorfilm. Dafür bedient sich She Wolf von der argentinischen Regisseurin Tamae Garateguy bei ganz anderen Genres, vorrangig dem Krimi und Thriller, mit einer zusätzlichen, doch recht präsent verankerten, erotischen Komponente.  Mujer lobo sieht zuvorderst in seiner Schwarzweiß-Optik, die optimal ausgeleuchtete Bilder produziert, extrem stylisch aus und setzt die Protagonistin in jeder Szene gekonnt ins Bild. Die oft erotisch aufgeladenen Szenen kostet Garateguy konsequent und mitunter explizit aus, in dem ihre Kamera frontal draufhält, bis zum bitteren (und zumeist tödlichen) Ende. Diese Fixierung auf die lasziv-erotische Komponente verdrängt leider den psychologischen Ansatz des Films, der sich mit gespaltener Persönlichkeit beschäftigt, aber eben nicht primär behandelt wird. Dennoch: Wer sich von vornherein von der Vorstellung löst, hier einen Werwolf-Slasherfilm vorgesetzt zu bekommen, wird an Mujer lobo visuell und ein stückweit auch narrativ seine Freude haben.

Dieser Film gehört ebenso zur Blogreihe #52FilmsByWomen.

Halloween (2018)

Die Neuauflage mit direkter Erzähllinie zum allerersten Teil der Reihe macht vieles richtig. Zum einen atmet diese Version den atmosphärischen Ursprung ganz tief ein, bedient sich ebenso der zuerst recht langsamen narrativen Struktur, um zum Finale hin dafür an der Spannungsschraube zu drehen. Das Original scheint immer durch (nicht nur weil Michael Myers sich ‚alten Bekannten‘ widmet), wird aber zusätzlich durch frische und moderne Elemente eingerahmt. Der 2018er Halloween erfindet das Slashergenre nicht neu (und hat diesen Anspruch auch gar nicht), verleiht diesem aber einige neue Stromschläge, um es zu reanimieren.

Suspiria – Original (1977) versus Remake (2018)

Dann tanzen wir uns da mal durch… Visuell sind beide Werke eine Schau. Während das Original mit rotstichig eingerahmten Bilderwelten dominiert, greift das Remake dies zwar auf, variiert die Farbpalette jedoch merklich, immer darauf bedacht ein stylisch abgestimmtes Ganzes zu produzieren. Argentos mitunter kriselig-verschwommene Szenerien poliert Guadagnino auf Hochglanz, zwar durchaus mal matt, aber durchgehend strahlend. Narrativ schlage ich mich auf die Seite des Originals. Argento strebt konsequent vorantreibend, ohne Schnörkel und Seitenpfade zu benutzen, auf das Finale zu. Das Remake verheddert sich mitunter in den eigenen geschaffenen Nebenplots, kommt dadurch zu Fall, steht wieder auf und geht dann ohne Erklärung weiter. Das schafft lose Enden und kleine Fragezeichen zu einzelnen Figuren oder Szenen. Der neue Suspiria kommt stellenweise zu aufgebläht daher. Eine Straffung der Geschichte hätte hier der erzählerischen Atmosphäre mehr Tiefe verliehen. Schauspielerisch macht das Remake eine gute Figur. Sowohl die Protagonistin, von Dakota ‚Ms. Grey‘ Johnson gemimt, als auch die nicht unwichtigen Nebenfiguren (Tilda Swinton in ihrer schon obligatorischen Andersartigkeit sticht natürlich wieder heraus) können überzeugen. Jessica Harper als Bindeglied beider Filme trägt das Suspiria-Original zwar von Anfang bis Ende, alle anderen dienen hier allerdings nur weitestgehend als Stichwortgeber. Musikalisch gewinnen Goblin ohne Zweifel den surrealen Tanz, auch wenn sich Radiohead Mastermind Thom Yorke redlich Mühe gibt deren Klangflair adäquat abzubilden.

Fazit: Sehenswert sind beide Filme. Dario Argentos Suspiria ist straighter, konsequenter in seiner Aussage und seiner stilistischen Atmosphäre. Luca Guadagnino erweitert die Ur-Geschichte, zaubert farbenreiche Bilder und bietet einige eklig-gorige Szenen, hätte aber mit etwas weniger Spielzeit und gestraffter Story mehr atmosphärische Dichte erreichen können.

Requiem (Season 1)

Die BBC Serie hat ein Problem: Sie will Mystery bieten (und der Trailer assoziiert dies auch dominant), vergisst aber während der gesamten ersten Staffel diesen Aspekt weitestgehend, um sich viel mehr auf die kriminalistischen Elemente zu konzentrieren. Die sind dann stellenweise ein wenig zu durchschaubar und geradlinig erzählt, so dass sich einzelne Folgen nur zäh fließend voran bewegen. Lydia Wilson als Protagonistin, die auf der Suche nach ihrer wahren Identität ist und dabei (ungeahnte) Ereignisse aufdeckt, macht ihre Sache durchaus gut, kann gegen das engmaschige Drehbuchkorsett aber nur selten mit unerwarteten Ausbrüchen ihrer Figur anspielen. Für Fans von Krimis mit geheimnisvollen Enthüllungen ist Requiem durchaus einen Blick wert. Mystery- und Grusel-Enthusiasten werden sich hier aber größtenteils langweilen.

Außerdem sind mir im letzten Jahr zwei Filme durch die kurzrezensierenden Finger gerutscht und bei beiden fragt man sich, ob es gewollt war. Denn beide sind in ihrem thematischen Feld ein wenig schwierig, sperrig, kantig, um nicht zu sagen recht verstörend anders… 

Midsommar (2019)

Ari Asters zweites Werk nach Hereditary kann als Horror am hellichten Tage gesehen werden. Neben einigen explizit gewaltvollen Darstellungen (Stichwort: Hammer) herrscht vorwiegend der schleichende, leise, innere Horror vor, der umso effektiver wirkt, wenn sich nach und nach die rituellen Besonderheiten der Gemeinschaft aufdröseln. Bei Midsommar dominieren zuvorderst die Szene für Szene durchkomponierten Bilder, die bis ins kleinste Detail ausgestattet sind. Visuell und vor allem auch musikalisch strebt das Werk konsequent dem halluzinatorischen Finale entgegen, in dem das metaphorische (und reale) Feuer der Protagonistin (Florence Pugh wandelt sich von passiv-aggressiver Melancholikerin zu aktiv-aggressiver Stoikerin) entfacht wird. Der Weg dorthin ist narrativ allerdings mit einigen Stolpersteinen versehen, da einzelne Figuren nicht nachvollziehbare, der Handlung aber zuträgliche Entscheidungen treffen. Angesichts der in summa plausibel erzählten Geschichte sind diese kleinen Mängel aber zu verzeihen.

Psychobitch (2019)

Coming-of-age mit sprödem, nordischen Charme. Martin Lund seziert die perfekte, durchgeplante, konforme skandinavische Jugend, die bei allen Aktivitäten auf maximales Limit getrimmt und zu Höchstleistungen getrieben wird und in der andersartiges Verhalten als nicht normal interpretiert wird. Protagonist Marius stolpert über die stets und ständig aneckende Frida, lernt deren aus der Rolle fallen zu schätzen und wächst aus der perfektionistischen Gesellschaft her- und gleichzeitig über sich hinaus. Psychobitch ist ein Plädoyer für das Besondere, abseits der auf Optimierung ausgelegten Gesellschaft, die in den drastischen, auf Drill und Gleichheit stierenden Bildern fiktionale Ferne suggeriert, aber erschreckenderweise die reale, moderne Welt (wohl nicht nur in Norwegen) abbildet. Hiermit sei für das Werk eine unbedingte Sehempfehlung ausgesprochen.

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2 Antworten zu Die Resterampe – Was vom Beitrag übrig blieb

  1. Miss Booleana schreibt:

    Ooooh ja, das ging mir mit Requiem genauso. Selten eine Serie gesehen, die dermaßen regelmäßig vergisst gruselig zu sein, obwohl sie es nach Konzept und Einsortierung ins Gerne eigentlich sein sollte und soviele Vorlagen liegen lässt. Die Erwähnung dieses Magiers und Okkulten John Dee oder wie er heißt. Was mich auch sehr ärgert ist, dass aus der Musik nix mehr gemacht wurden. Sie war doch Profi-Musikerin und die Musikstücke hatten irgendwie anfangs und am Ende mal eine Bedeutung!? Ach sehr ärgerlich das.

    Bei Suspiria konnte ich mit dem Original sehr wenig anfangen. Ich sehe da einfach nicht, warum man das schaut und was daran großartig ist, wenn Frauen in Opferrollen eine nach der anderen blutig niedergemetzelt werden. Kannst du mir das erklären?
    Den neuen fand ich sehr cool von der Optik, den Kniffen am „Wie“ (alle Rollen von Frauen gespielt), aber auch etwas schräg aus denselben Gründen die du oben nennst.

    • Stepnwolf schreibt:

      Der Original „Suspiria“ ist dann doch irgendwie in seiner Zeit verankert, so dass das Frauenbild dort wohl eher auf die Opferrolle oder die sexuelle Objektivierung hinausläuft. Das ist das Remake natürlich sehr viel weiter. Mich hat beim Original mehr die Farbgebung und vor allem diese extrem enervierende Musik fasziniert. Klänge, die einen irgendwie in diesen Film hineingesogen und mich deshalb auch so gecatcht haben.

      Und ja, „Requiem“ hat einige gute Ansätze einfach liegen gelassen und dümpelte dadurch unmotiviert dahin. Schade. Der Trailer versprach da auf jeden Fall mehr, als dei Serie dann halten konnte.

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