Die k.u.k.-Monarchie: Berlin Alexanderplatz in KW 30/2020

KINO

Wann: 24.07.2020 — Wo: Luchs Kino Halle — Was: Berlin Alexanderplatz (2020)

Der gute Francis muss müssen. Denn nur durch den unablässigen Zwang des Müssens wird er vorangetrieben, bleibt im und am Leben. In diesem Moloch der Stadt, geprägt von Gewalt und einem illegalem Milieu, das den illegal im Land verweilenden Protagonisten mit dem Drang zum Gutsein zu verschlingen scheint. Der Tanz auf dem Vulkan führt mehrmals zu lebensverändernden Umwälzungen. Nicht alle nur negativ, aber in ihrem finalen Kern doch immer wieder auf diesen pessimistischen Blickpunkt zulaufend. Mal langsam und scheinbar gemächlich. Dann wiederum mit schnellem, brachialen Tempo. Francis muss müssen. Muss in Bewegung bleiben. Muss sich ständig den neuen Begebenheiten anpassen und wird nach und nach tiefer in den gewaltvollen Strudel hineingezogen – nein, wohl eher hineingesogen. Ohne Erbarmen. 

Burhan Qurbanis Neuinterpretation des döblinschen Romans Berlin Alexanderplatz ist ein Monster von einem Werk, das nicht nur den Protagonisten mitreißt, sondern ohne Zweifel auch den Zuschauer. Und das hat mehrere Gründe. Beginnend bei der visuellen Umsetzung, deren flirrend-wirres Gewimmel aus dunkel-düsteren Darstellungen Berlins stets wechselt mit den stroboskopartigen, fluoreszierenden bunten Bildern einer niemals stillstehenden Stadt voller blinkender, sich im Asphalt der Straße und den Schaufenstern reflektierenden, künstlich erscheinenden Collagen. Silhouettenhafte Schatten schaffen bedrohlich wirkende Szenerien, die in den kurzen, glücklichen Momenten durch hell leuchtende, farbenfrohe Bilder unterbrochen sind. Ohne Zweifel lassen sich Vergleiche zu den visuell fixierten Werken eines Winding Refn finden. Auch was den narrativen Rhythmus der Bilder betrifft, die sich wunderbar in die eher dezent wabernde musikalische Untermalung integrieren. Qurbani gelingt so eine im Bildrausch verankerte Erzählung, der man die durchaus vorhandenen, etwas zäh schleichenden Augenblicke verzeiht, weil man sich kurzzeitig dem Bildersturm ergibt. 

Denn erzählerische Längen hat Berlin Alexanderplatz durchaus. Die Geschichte kriecht stellenweise förmlich voran und zeigt dabei eine Terrence Malicksche Langsamkeit, die nicht zur ständig unter Strom stehenden Hauptfigur passen will. Glücklicherweise reißt uns besonders eine Figur immer wieder aus dieser lethargischen Phase und stiehlt dabei leider auch dem eigentlichen Hauptdarsteller die schmerzhafte Show: Reinhold. Was Albrecht Schuch an Energie, Eleganz und rabiate mimische wie gestische Variabilität in seine Interpretation des Reinhold legt, sucht seinesgleichen. Sobald Reinhold die Szenerie betritt, bildet er den Mittelpunkt, den Fixpunkt, die Konstante der Geschichte. Der Schwerpunkt verlagert sich unbemerkt und verharrt auf der Figur. Schuch erschafft zugleich einen abgrundtief hassens- als auch immer wieder bemitleidenswerten Reinhold. Diese emotionale Involviertheit macht nicht beim Zuschauer Halt. Vielmehr begibt sich auch Francis in eine unlösbare Abhängigkeit, die Reinhold im Verlauf der Geschichte stets für sich zu nutzen weiß. Neben dem überragenden Albrecht Schuch versucht Welket Bungué zu bestehen, was ihm in weiten Teilen – insbesondere wenn der Kamerafokus auf ihn gerichtet ist – auch gelingt. Sowieso gibt sich das komplette Schauspielerensemble keine Blöße. Der von Beginn an aus dem Off agierenden Jella Haase ist in ihrer Rolle als Mieze zwar erst nach einem Drittel der Spielzeit auch die Präsenz vor der Kamera vergönnt, in diesen Szenen zeigt sich aber erneut das große schauspielerische Talent der Akteurin. Joachim Króls Pate-Verschnitt Pums strahlt in den wenigen sichtbaren Momenten eine erhabene und gleichzeitig bedrohliche Eloquenz aus, der man sich nur schwer entziehen kann.

Burhan Qurbani kann sich auf die Interaktion zwischen seinen Darstellern verlassen. Sie und sein visuelles Gesamtkonzept überbrücken die sich einschleichenden filmischen Längen und geben Berlin Alexanderplatz das Stützkorsett, das die döblinsche – in der Weimarer Republik verortete – Erzählung nonchalant in die Jetztzeit verlagert, ohne den Charme und Charakter der Goldenen Zwanziger zu verlieren. Deutsches Kino kann mit der richtigen Geschichte und einer mutigen, modernen Umsetzung berauschend sein. Die Überführung des alten Romans Berlin Alexanderplatz in ein neuzeitliches, aktualisiertes Gewand ist auf jeden Fall gelungen. Eine Sichtung des Werkes kann somit zweifellos empfohlen werden.

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