Der Blogventskalender 2020: Tür 24

Nach so viel Schwelgen in Erinnerung und Auffrischen alter Beiträge, die sich in den nun fast sieben Jahren meiner Blogaktivität angesammelt haben, wird es Zeit für etwas ganz Neues, bisher unveröffentlichtes. Und wer mit mir zusammen die letzten dreiundzwanzig Tage aufmerksam und voller Spannung jedes Türchen geöffnet hat, wird mitbekommen haben, dass mir vor allem auch die eigenen Geschichten fernab von Film-, Serien-, Musik- und sonstigen Rezensionen besonders am Herzen liegen.

Drum gibt es heute – am Heiligabend – weltexklusiv einen Ausschnitt aus meinem unvollendeten (Hey, Beethoven durfte das auch!) Roman (Arbeitstitel: Dreizehn8undreißig), den ich natürlich – ebenso wie jeder andere gute Blogger auch – in meiner Schublade lagere. Zusätzlich habt ihr die zweifelhafte Ehre diesen kleinen Appetithappen zu bewerten. Hättet ihr jetzt auch nicht gedacht, ausgerechnet heute noch so viel arbeiten zu müssen, was? 😉

Los geht’s…

>> Tür 23 <<     Der Blogventskalender

Ausschnitt aus „Dreizehn8unddreißig

Die Diskussion hatte sich zu einem Durcheinander an Stimmen entwickelt. Das Für und Wider wurde immer von Neuem auf den Tisch gebracht. Meinungen flogen durch den Raum. Wie Wellen, die auf die steilen Klippen zu schnellten und in einer Gischt aus Wasser daran zerstoben, prallten die Argumente aufeinander. Hitzige Wortgefechte. Wildes Gestikulieren. Es war kein Ende abzusehen. 

„Hoher Rat! Brüder und Schwestern! So beruhigt euch doch endlich!“ Madu hatte schon seit geraumer Zeit dem Treiben der Obersten nur noch schweigend zugeschaut. Doch jetzt konnte er nicht länger still dasitzen und darauf hoffen, dass sich aus der Gemengelage an Ideen, Vorbehalten, Befürchtungen und Theorien in absehbarer Zeit tatsächlich eine Lösung heraus kristallisierte, die ihm und seiner Aufgabe zur Hilfe gereichen würde. Madu erhob sich, schritt einmal um den gesamten Tisch herum und betrachtete alle Anwesenden mit einer Mischung aus Trotz und Neugierde. Trotz darüber, dass sich der Hohe Rat einfach nicht zu der einzig möglichen Entscheidung durchringen konnte. Neugierde darauf, wer von ihnen am Ende dann aber doch als Erster oder Erste seinem Ruf der Erlösung folgen würde und somit, dem Dominoeffekt gleich, auch den Rest umstimmte. Wer würde am ehesten den Anfang machen und seinen Plan akzeptieren? Bisher stand es sechs zu eins. Er auf der einen, der Hohe Rat auf der anderen Seite. 

„Ihr alle wisst, das ich euch in den vergangenen Jahren sehr viel abverlangt habe auf der langen, beschwerlichen Suche. Unsere Reise war nie leicht. Und das vor uns liegende Ende wird noch einmal um ein Vielfaches schwerer, unangenehmer, um nicht zu sagen gefährlicher werden. Ohne die Hilfe der sechs Häuser wird die Erlösung zum Scheitern verdammt sein. Ich schaffe es nicht allein, so sehr ich es mir auch wünschen würde. Euch Leid zu ersparen, ist mein höchstes Ansinnen. War es immer und wird es auch immer sein. Aber diese Aufgabe bedarf der Unterstützung aller sechs Häuser. Gebt mir, was ihr entbehren könnt und ich werde euch nicht enttäuschen.“ Madu sah in jedes einzelne vor ihm sitzende Gesicht. Gezeichnet von den Strapazen der jahrelangen Wanderschaft, von den ständigen Kämpfen gegen Freibeuter und viktorianische Kampfeinheiten. Gebeutelt von Krankheiten und Entbehrungen auf der Suche nach Land und Nahrung. Sie alle hatten ein Ende der qualvollen Zeit verdient. Und die derzeitige Ruheperiode weckte in so ziemlich jedem Anwesenden die Hoffnung auf ein solches Ende. Aber Madu wusste, das dies nur die vermeintliche Ruhe vor dem sich am Horizont abzeichnenden Sturm war. Spätestens mit dem Ausklingen der Feierlichkeiten zur 200. Viktoria würde das Reich wieder aktiv gegen sein Volk, gegen die Letzten, vorgehen. Und dies würde ohne Zweifel der vernichtende, finale Schlag sein. ‚Die Erlösung ist unsere Rettung.‘ Madu hämmerte sich dieses Mantra ständig aufs Neue in seinen Kopf. 

„Die Zwanzig gehören dir.“ Sonjana – die Oberste aus dem Dritten Haus – erhob sich feierlich und verbeugte sich leicht. Madu war überrascht. Ausgerechnet Sonjana sollte den Stein ins Rollen bringen? Er hatte viel eher mit dem Sechsten, seinem Haus, gerechnet. Doch Kimya hatte bisher keine Anstalten gemacht, auch nur irgendwie für Madu Partei zu ergreifen. 

„Möge ihr Opfer dich der Erlösung ein großes Stück näher bringen.“ Sonjana setzte sich wieder, nicht ohne einen flüchtigen Blick zum Eingang zu werfen. Madu blieb still. Er folgte dem Blick und sah Gasira, die gespannt dem Treiben der Obersten zusah. Ein leichtes Lächeln umspielte ihr Gesicht. Sie schien das baldige Ende der Diskussion und die Entscheidung zugunsten ihres Bruders zu erahnen. Die Obersten der übrigen Häuser waren sich jedoch noch immer uneins über den weiteren Gang der Dinge. Die Stille  kroch wie Kälte in nasse Kleidung. Fast schien es als ob man die Gedanken aller Anwesenden hören konnte. Nur das Knistern des Feuerholz war zu vernehmen. Kimya beendete das Schweigen.

„Sonjanas großzügiges Opfer ist mehr als nur das. Es bedeutet bei einem Scheitern deines Plans den Untergang des Dritten Hauses. Und nicht nur dieses.“ Kimya blickte in die Runde. „Ihr wisst das und du weißt es auch.“ Er sah Madu tief in die Augen. „Ich sehe jedoch keinen anderen Pfad, den unser Volk nicht schon beschritten hätte. Nun, da wir seit Jahren von unseren heiligen Flecken innerhalb des Viktorianisches Reiches abgeschnitten sind und hier im Outland das letzte freie Territorium besetzen, ist die Erlösung Wohl oder Übel unsere letzte Option. Aber wir brauchen Schutz für unser Volk. Wir können uns nicht völlig entblößen. Nicht mit dem Wissen um die Freibeuter, die an den Grenzen des Outlandes ihr Unwesen treiben. Dennoch wird das Sechste Haus dich unterstützen. Die Zwillinge werden dich begleiten und auch Megnah schließt sich dir an. Ihre Fähigkeiten wirst du noch früh genug zu schätzen lernen.“ Kimya wandte sich ebenfalls dem Eingang zu. „Zusammen mit deiner Schwester, die ja eh nie von deiner Seite weicht, steht dir damit ein gewichtiger Teil unseres Hauses zur Verfügung.“ Gasira wich dem Blick beschämt aus. „Kimya, Oberster des Sechsten Hauses der Letzten, hat gesprochen.“

Die Würfel waren gefallen.

***

Die Schlacht der Worte hatte er nach hitzigen Redegefechten gewonnen. Nun stand ihm eine letzte, weitaus gefährlichere und mit Sicherheit blutige Schlacht bevor. Madu saß vor seinem Zelt und starrte in die Sterne. Es hatte Stunden gedauert den Hohen Rat zu überzeugen. Der frühe Abend machte der pechschwarzen und kalten Nacht Platz. Er warf seinen weißen Mantel über. Es gab unendlich viele Sterne da draussen und jeder einzelne von ihnen war bereits gestorben. Das Leuchten war ein letztes Aufflammen danach. Würde er bei einem Scheitern der Aufgabe, was zwangsläufig mit dem Tod einhergehen musste, auch noch Leuchten? Wie viele der ihm nun Folgenden würden am Ende des Weges als Stern enden? Durfte er dies zulassen? Den Verlust vieler Leben, um der Hoffnung eines Einzelnen auf Erlösung zum Sieg zu verhelfen? 

„Siv begleitet uns also auf die Reise ins Verderben.“ Madu sah zu seiner Rechten und wurde Gasira gewahr. „Ja. Das wird sie.“ Siv war die Erste der Zwanzig. Kimya hatte so Recht mit seiner Befürchtung. Die Zwanzig war die militärische Eliteeinheit des Dritten Hauses. Kampferprobt und erfahren. Jede der zwanzig Kriegerinnen beherrschte einen einzigartigen Kampfstil. Der Verlust nur einer von ihnen kam dem Verlust einer ganzen regulären Letzten-Einheit gleich und die bestand in den alten Zeiten seines Volkes aus 111 Mann. Das Opfer der Zwanzig schwächte somit auch alle anderen Häuser und sein Volk in Gänze. Siv war aber auch die beste Freundin seiner Schwester. Sie waren beide zusammen aufgewachsen. Neben ihm war Siv Gasiras einzige Vertrauensperson. Ihr Verlust würde sie ebenso hart treffen wie sein eigener Tod. 

„Sonjana hätte diesen Schritt nicht wagen sollen. Zumindest nicht alle zwanzig.“ 

„Madu, du weißt doch, das die Zwanzig nur als Einheit ihre größte Kraft entfalten können. Und außerdem tat Sonjana diesen Schritt einzig und allein dir zuliebe.“ Wie wahr. Ihre Liebe für ihn war noch immer stark, auch wenn er sie nie erwidern konnte, erwidern wollte. Seine Aufgabe stand von jeher an erster Stelle. Alles andere war unerwünschte Ablenkung. 

„Phaol und Phelan balgen sich übrigens seit Bekanntwerden ihres Einsatzes, um zu ermitteln, wer zuerst neben dir reiten darf.“ Gasira grinste. Madu konnte nicht umhin ebenfalls lauthals zu lachen. „Die Zwillinge. Ich glaub, die werden nie erwachsen.“ Kimyas Entscheidung war besonnen und weise. Das Sechste Haus hatte in der Vergangenheit große Verluste erlitten und konnte nicht mehr viele Kämpfer entbehren. Aber mit den Zwillingen an seiner linken Seite fühlte sich Madu immer sicher. So kindisch verspielt sie  auch sein mochten, im Kampf wollte er sie nicht missen. Megnah wiederum war für Madu wie ein Buch mit sieben Siegeln. Die offene Schlacht stand ihr nicht zu Gesicht. Ihre Qualitäten zeigten sich auf ganz anderen Gebieten. Die luftige Höhe war ihr Terrain. Da konnte ihr niemand etwas vor machen. 

„Madu. Ich muss dir noch etwas sagen.“ Gasira sprach nur sehr leise und druckste ein wenig herum. Sie nahm ihren Dolch und malte konzentrische Kreise in den Sand zu ihren Füssen. Madu beobachtete seine Schwester aufmerksam. Wenn sie ruhig und leise auftrat, bedeutete dies Gefahr in Verzug, weil es einfach ihrem eigentlichen Naturell widersprach. Dies waren Momente, in denen er besonders behutsam reagieren musste. 

„Was hast du auf dem Herzen, Schwesterchen?“ Gasira stach den Dolch in den Sand und wandte sich ihrem Bruder zu. 

„Ich habe ihn kontaktiert.“ Madu erstarrte. „Der Alte hat es gesehen.“ Gasira erinnerte sich an die Worte: Du und der eine. Du weißt, wen ich meine. „Wir brauchen ihn, Madu. Er ist der Schlüssel, der uns den Weg zum Kern weist. Ohne ihn werden alle bis dahin bereits gebrachten Opfer völlig umsonst gewesen sein.“ Madu nahm den Dolch und wischte den Sand ab. Einzelne Sandkörner blieben an seinen Fingern haften. Das raue Gefühl beim Reiben beruhigte ihn für einen kurzen Augenblick. 

„Es ist gefährlich die Kommunikatoren zu benutzen. Wir wissen nie genau, ob nicht doch irgendjemand den Code zu knacken vermag. Außerdem ist es nicht sicher, ob ihn die Nachricht überhaupt erreicht.“ Er streckte Gasira den Dolch entgegen.

„Sie hat ihn erreicht. Und er hat geantwortet.“ Madu seufzte laut hörbar auf. Gasira nahm ihren Dolch, steckte ihn ins Futteral und erhob sich langsam vom Platz neben ihrem Bruder. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und streichelte sanft über seinen im Mondlicht glänzenden, kahl geschorenen Kopf. Madu bewegte sich nicht. Auch nicht als seine Schwester im Gehen begriffen war.

„Er wird kommen.“

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