#52FilmsByWomen: (66) Never Rarely Sometimes Always – Eliza Hittman

Titel: Never Rarely Sometimes Always
Regie: Eliza Hittman
Produktionsland: USA
Jahr: 2020

Don’t let the sun catch you crying.

Trostlose Tristesse. So ein bisschen beschreibt dies die Szenerie, die uns die ganze Zeit über im Film begleitet. Das beginnt ganz banal bei der alltäglichen Routine, in der sich die Protagonistin befindet, bestehend aus Schule, Nebenjob und prekär geprägter, familiärer Situation. Ein Ausbruch aus diesem Hamsterrad zeichnet sich nicht ab. Der ganz zu Beginn als eine mögliche Flucht aus diesem Leben aufgezeigte musikalische Weg, bleibt – wie für fünfundneunzig Prozent aller anderen künstlerisch Aktiven – wohl eher ein Wunschtraum. Und das kleine ‚Problem‘, mit dem sich Autumn konfrontiert sieht, macht alles keinen Deut leichter. Abhilfe muss geschaffen werden. Es bedarf daher Hilfe, die in Form ihrer Cousine Skylar bereit steht. Trostlose Tristesse vermitteln auch die Bilder, die den Film durchziehen. Matte, dunkle, graue, schmuddlige Farben bestimmen die Szenen. Gepaart mit der generellen Ausweglosigkeit, der sich Autumn stellen muss und summiert durch ihre ohnehin melancholische, in sich gekehrte Charakterisierung, ist dem Zuschauer in jeder Minute bewusst, dass hier kein Feelgoodmovie das Licht der Welt erblickt hat. Wahrlich nicht! Aber: Es hat sich ein intensives, mitfühlendes, zutiefst schmerzendes und einem stets schmerzlich bewusst machendes Werk in die Iris des Rezipienten gebrannt. Ein Film, der mit wenig Worten, aber umso deutlicherer Bildsprache auf die schwierige, moralisch kontroverse Thematik einer ungewollten Schwangerschaft und der Entscheidung einer Abtreibung fokussiert.

Never Rarely Sometimes Always kriecht ganz tief in dich rein. Stichelt herum. Stochert und piekst an jeder Stelle. Und haut dir dann unvermittelt, mit Wucht und voller Breitseite in den Magen, um dich benommen in deiner Fassungslosigkeit liegen zu lassen. Es gibt Momente, wo allein die Bilder einen Kloß im Hals erzeugen, der nur schwer zu schlucken ist. Es gibt die eine, emotional unfassbar intensive Szene, die dem Werk seinen Namen lieh. Es gibt ruhige, fast glückselig anmutende Augenblicke, die sich langsam anschleichen, in deine Haut einkratzen, unangenehme Schmerzen verursachen und dich dann ganz plötzlich und völlig überrascht schockstarr zurücklassen. Eliza Hittman und insbesondere ihre Kamerafrau Hélène Louvart visualisieren mit einer extrem authentischen, atmosphärisch dichten Bilderwelt das Leben von Autumn und begleiten jeden Gefühlsausbruch mit zugleich respektvoller Distanz als auch unmittelbarer, wenig Freiraum lassenden Nähe.

Die optische Brillanz verbindet sich mit schauspielerischen Glanzleistungen. Sidney Flanigan erweckt Autumn innerhalb weniger Sekunden zum Leben, verleiht ihr eine tiefergehende Aura der Unnahbarkeit, vermittelt allein über Gestik und Mimik so viel traumatisches, aber nicht selten auch träumerisches Flair (man fokussiere einfach nur mal ihr Spiel mit den Augen, in denen die gesamte Gefühlsklaviatur ihren Ausdruck findet) und berührt mit ihren rar verwendeten Worten innerlich zutiefst. An ihrer Seite agiert eine nicht minder brillante Talia Ryder, die ihre Figur Skylar mit einer rigorosen, offensiven, fordernd vorwärts preschenden Intensität zeichnet. Gleichzeitig aber eben auch diese Verbundenheit zu Autumn manifestiert und so die unbedingte, unterstützende und ein Stück weit auch antreibende Rolle einnimmt. Beide zusammen bilden ein dynamisches Duo, das allen Widrigkeiten trotzend dem eingeschlagenen Weg folgt. Ein unzertrennliches Paar, das sich wortlos versteht, aber nie sprachlos verzweifelt, egal wie schmerzhaft der Weg zum Ziel auch sein mag.

Eliza Hittman erschafft mit Never Rarely Sometimes Always ein seltenes filmisches Kleinod, das niemals den erzählerischen Fokus verliert, manchmal kurze triumphierende Momente der Freiheit skizziert und durchweg immer den Zuschauer an den Bildschirm fesselt, um der Geschichte oft fasziniert und viel zu oft fassungslos zu folgen. Ein kleines, cineastisches Highlight, zur unbedingten Sichtung empfohlen.

Zuerst gesehen im Puschkino Halle am 12.10.2020 und daher auch Teil meiner k.u.k.-Monarchie Reihe, die (hoffentlich) demnächst wieder reanimiert wird.

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3 Antworten zu #52FilmsByWomen: (66) Never Rarely Sometimes Always – Eliza Hittman

  1. mwj schreibt:

    Grandioser Film. Einer meiner letzten Kinobesuche vor dem Lockdown:
    https://www.kino.vieraugen.com/kino/niemals-selten-manchmal-immer/

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