#52FilmsByWomen: Madame Bovary von Sophie Barthes

Ein Film, dessen Titel den Namen der Hauptfigur trägt, steht und fällt mit eben jener. Zumindest zuvorderst. Also bedarf es einer Schauspielerin, die der vielschichtigen, von Gustave Flaubert geschaffenen, Romanfigur Leben, Liebe und eine gehörige Portion Herzschmerz einhaucht. Mit Mia Wasikowska kann man da grundsätzlich nichts falsch machen. Das dachte sich auch Sophie Barthes und übergab die Charakterisierung der Madame Bovary in deren fähige Hände.

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Ich dachte, dies würde die glücklichste Zeit meines Lebens sein.

Und so schauen wir zu, wie Ms. Wasikowska der Figur Gestalt gibt. Wie sie ihre unbändige, freiheitsliebende, von Gefühlen beherrschte, emanzipatorische Wirkung entfaltet. Wie sie sich in die emotionalen Fänge von Männern verwickelt. Wie sie sich in ökonomische Abhängigkeiten verstrickt. Wie ihr dieses selbstgeschaffene, in gewisser Weise aus Naivität entstandene Konstrukt des Lebens über den Verhältnissen komplett über den Kopf steigt. Wie sie dieser Überforderung in letzter Konsequenz durch Tod entflieht. Mia Wasikowska zeichnet das Bild einer Frau, die mehr vom Leben erwartet als Heirat, Kinder und Haushalt. Die sich den engen sozialen Verhältnisses der skizzierten Zeit und des geografisch verorteten dörflichen Daseins nicht kampflos ergeben will, jedoch an deren gezogenen Grenzen hoffnungslos scheitert. Sie ringt der Romanfigur Madame Bovary alle dort definierten Facetten mit spielfreudigen Verve ab. Muss sich aber schlußendlich der allzu schablonenhaften filmischen Umsetzung durch Sophie Barthes geschlagen geben.

Denn diese Umsetzung glänzt und schimmert zwar mit bildgewaltigen Szenerien, deren visuelle Wirkung durchaus Anerkennung gezollt werden kann und sogar muss. Verliert aber auf der narrativen Ebene so viel Fahrt und Esprit, das man sich stellenweise fragt, wo hier nochmal genau der durch die Hauptfigur schauspielerisch so stark vermittelte rebellisch emanzipatorische Ansatz geblieben ist. Der verpufft in erzählerischer Langeweile, geht ein Stück weit in den satten, gemäldeähnlichen Farben unter, verendet an den blass gezeichneten Mit- und Gegenspielern der Bovary. Dabei sind gerade die weiteren Charaktere wichtiger Bestandteil der Geschichte, verkommen aber nur zum Beiwerk der schönen Bilder. Weder der Ehemann der Bovary (Henry Lloyd-Hughes ist zwar im Bild, aber nie wirklich präsent), noch ihre Liebhaber können Akzente setzen, bleiben vielmehr eindimensional und vorhersehbar in ihren Handlungen. Weshalb man sich fragt, wieso sich eine so stark charakterisierte Person wie Madame Bovary überhaupt für derlei konturlose Gestalten interessieren kann. Einzig Rhys Ifans‘ schmierig-hinterlistig gespielter Kaufmann Monsieur Lheureux gibt der Handlung erfrischende und auffrischende Elemente an die Hand, kann der erzählerischen Tristesse aber auch nur einzelne Impulse vermitteln.

Was bleibt vom zeitgenössischen Sittengemälde, das der französische Autor Flaubert in seinem Roman und durch seine Hauptfigur so stringent zeichnete? Zuvorderst eben gerade das: der Anschein ein Gemälde zu sehen. Ein Film, der aus einer Aneinanderreihung zarter, satter, intensiver Farben besteht, die nur leider nichts zeigen. Bevölkert mit akkurat kostümierten Personen, die sich darin zu steif bewegen. So gelingt es der Regisseurin Sophie Barthes nur in minimalen Aspekten dem Roman Madame Bovary filmisch gerecht zu werden. Mia Wasikowska trägt keine Schuld daran. Sie ist auch nach Sichtung des Werkes die richtige Wahl für diese Rolle, muss sich der nur rudimentär gelungenen Erzählung am Ende jedoch beugen. So wie sich ihre dargestellte Figur am Ende in Verzweiflung beugen muss.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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Das Lied zum Sonntag

Werte Gemeinde,

das Brandschatzen definiert Wikipedia mit folgenden Worten: Brandschatzung ist eine Zwangserhebung von Geld- oder Naturalabgaben im feindlichen Lande unter Androhung des Niederbrennens oder der Plünderung der betroffenen Stadt oder Landschaft.

Der Begriff stammt allerdings aus einem hermetisch historischen Kontext, aus dessen Rahmen unsere heutige postmoderne Zeit herausgewachsen ist. Brandschatzen erlebt man vielleicht noch bei Pirates of the Caribbean und selbst da wohl nicht so wirklich. Deshalb gehen wir jetzt auch nicht brandschatzen, sondern wir nutzen ganz einfach den Kellerdurchbruch um die Bank nebenan auszurauben, wie in diesem Film der Coen-Brüder.

Auf geht’s und Yoooh Hooooh oder so.

PS: Da es die Zeit diese Woche nicht so wirklich erlaubt hat, verbinde ich das Lied zum Sonntag mit den abc.etüden. Bankräuber dürfen das…

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#52FilmsByWomen: Die Fremde von Feo Aladag

Mein erstes Mal war natürlich Fatih Akins Film Gegen die Wand. Ich war vom Fleck weg fasziniert von dieser Präsenz, dieses herausfordernde Schauspiel, diese Inbrunst, die sie mit jeder Faser ihres Körpers an den Tag legte. Was für eine Frau! Und ja, ich war auch ein Stück weit verknallt in Sibel Kekilli und dieser Crush blieb bis heute erhalten. Ebenso wie ihre schauspielerische Präsenz, die sie erneut eindrucksvoll in Die Fremde, dem Debütwerk von Feo Aladag, unter Beweis stellt.

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Hab keine Angst vor nichts.

Es sind vor allem die kleinen, intensiven Momente zwischenmenschlicher Kontakte, die diesen Film dominieren. Kurze Szenen mit prägnanten Dialogen wechseln sich ab mit unter die Haut gehenden Augenblicken – wörtlich gemeint, denn gerade die stillen, wortlosen Gestiken und Mimiken schaffen extreme, emotionale, einprägsame Bilder. Bilder, die beim Zuschauen unterbewusst ständig ein ungutes Gefühl provozieren. Die einen flau im Magen werden lassen. Die einen aggressiven Unterton transportieren. Feo Aladags Werk wird nie hektisch. Ihr Familiendrama ist ruhig und stringent erzählt, erlaubt sich wunderbar ruhige einfühlsame Szenen und ist gerade deshalb spannend. Man erwartet jede Sekunde eine explosive Entladung. Diese kommt dann tatsächlich: Die letzten Bilder von Die Fremde schlagen dem Zuschauer die Faust direkt ins Gesicht. Perplex, unglaublich wütend und gleichzeitig unsagbar traurig sitzt man vor dem Bildschirm – fassungs- und sprachlos. Kopfschüttelnd. Mit einem Kloß im Hals.

Die Fremde ist visuell ein Genuss. Die dominanten Bilder erzählen die Geschichte, es bedarf weniger Worte um dennoch das ganze Ausmaß der Umstände, die unsere Protagonistin Umay zu ihren Aktionen veranlasst, darzustellen. Hinzu kommt ein Score, der nie aufdringlich erscheint. In dieser schwerelosen Leichtigkeit der Melodien liegt aber umso mehr schwermütiges Drama. Max Richter findet die passenden Klänge zur jeweiligen Situation und verstärkt die ohnehin dichte Atmosphäre noch einmal. Und dann ist da ja noch Sibel Kekilli: dominant – sowohl ihre Figur als auch ihr Schauspiel – zielstrebig, liebevoll, verzweifelt, glücklich, ängstlich, stark. Egal, welche Emotion, ihr gelingt durchweg ein präzises, echtes Bild der Hauptfigur Umay. Dabei sollen die katalysatorischen Nebenfiguren nicht vergessen werden. Insbesondere Umays Vater und Oberhaupt der Familie (Settar Tanrıöğen changiert zwischen patriarchalischem Auftritt und väterlicher Liebe zur Tochter) sowie ihre Mutter (Derya Labora verzweifelt am gestrengem Glauben der muslimischen Sitten und ihrem innerlichen Stolz auf die emanzipatorisch agierende Tochter) hauchen ihren Figuren Leben ein, lassen sie an den Aufgaben wachsen und scheitern an den getroffenen Entscheidungen.

Feo Aladag kombiniert die Bildsprache, die musikalische Untermalung und das fordernde Schauspiel ihrer Figuren und verbindet dies zu einer brisanten Mischung. Einer Mischung, die mehrere Ebenen angreift: die religiös-patriarchalisch manifestierte türkische Gesellschaft, die familiäre Strenge und dessen Starrsinn, sowie die niemals zu untergrabene Familienehre. Die Fremde ist gleichzeitig die Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau, die aus dem gesellschaftlichen Käfig ausbrechen will – selbst wenn sie dafür die Familienbande kappen muss – weil sie das Glück ihres Kindes und ihre Selbstverwirklichung über alles andere stellt. Um das zu erreichen, darf man keine Angst haben. Vor nichts. Das beweist dieser Film in aller brachialen Konsequenz und bis zum bitteren Ende.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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Das Lied zum Sonntag

Werte Gemeinde,

so kann es gehen, wenn einen die Ereignisse der Welt einholen. Eigentlich war dieser Platz heute reserviert für die in der zurückliegenden Woche – aber irgendwie auch schon fast regelmäßig – auftretenden Eskapaden und Entscheidungen des Leader of the free world. Allein das klingt gruselig und das jener Trump seinen Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen bekannt gab, ist noch um einiges gruseliger.

Aber dann war da wieder ein Fahrzeug, das sich den Weg durch Menschenmassen bahnte, um derer Leben habhaft zu werden. Da rückt jedwedes Verhalten politischer Führer in den Hintergrund und muss warten. Denn die Gedanken schweifen ab nach London. In Anteilnahme. Wieder einmal…

London, my love. Be strong.

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abc.etüden: Das Erbstück

Die Angst war völlig unbegründet, denn er wollte sie nicht einfach nur in den etwas alt und schäbig aussehenden Kramladen zerren, um sich dort in einer dunklen Ecke an ihr zu verlustieren. Nein, im Gegenteil. Ihm lag tatsächlich etwas an ihr. Was ihr spätestens bewusst wurde als er sie sanft an die einzige Glasvitrine des Ladens zog, um ihr den Gegenstand zu zeigen, den sie seit so langer Zeit gesucht hatte. Ihr Herz machte Freudensprünge und schlug Purzelbäume. Endlich hatte sie es wieder. Sie schaute ihn mit großen Augen an und sagte leise, aber glücklich: „Habt Dank, mein Herr.“

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Dies ist ein kurzer Beitrag zu den wundervollen abc.etüden, die an dieser Stelle zum Leben erweckt und von dort in die weite Bloggerwelt getragen werden. Teilnahme von Allen unbedingt erbeten…

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