Das Lied zum Sonntag

Werte Gemeinde,

es kündigt sich so langsam an. Die Atmosphäre in Deutschland wird politischer. Um genau zu sein wahlpolitischer. Da wird es Zeit, das sich auch hier das Klima ein wenig politisiert. Und Flüchtlinge gehen ja bekanntlich immer. Fragt einfach mal nach bei denen der Alternative. Und in den Regionen, wo diese Alternative gern gewählt wird. Weil die kennen sich aus mit Flüchtlingen. Vermeintlich.

Und eigentlich auch mit Flüchten. Denn in einer gar nicht so weit entfernten Vergangenheit waren sie oder Bekannte und Verwandte von ihnen nämlich genau das: Flüchtlinge. Aus anderen Gründen, aber mit den gleichen Hoffnungen, Ängsten und Träumen von einem besseren Leben. Anscheinend wurde das in alternativen Kreisen vergessen. Deshalb erinnert euch und

macht das Kreuz bedacht! 

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#52FilmsByWomen: L’enfant d’en haut von Ursula Meier

Schwierig und sperrig. Zwei Begriffe, die einem zuerst in den Sinn kommen, wenn man sich an diesen Film annähert. Trocken und kühl. Auch damit lassen sich Assoziationen zum Film schaffen. Emotionsarm und teilnahmslos. Fällt einem ein, wenn man an die zwei wichtigen Charaktere denkt. Was Ursula Meier mit L’enfant d’en haut dem werten Publikum vorsetzt, bedarf viel Mut und Nerven beim Konsumieren. Und leider fällt die Belohnung für diese Mühe nur dürftig aus.

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Was klaust du im Sommer? Fahrräder?

Winterdieb – so der deutsche Titel – schreit mit jeder Szene und jedem Bild danach endlich und ohne Vorwarnung durchzudrehen. Auf Seiten des Zuschauers, wohlgemerkt. Es gibt einige Aspekte am Film, die schwer verdaulich sind. Und das beginnt schon beim Protagonisten. Denn Simon ist eine Figur, der Sympathie entgegengebracht werden soll, weil er ja auch Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist (nämlich der Winterdieb), der aufgrund seines ganzen Auftretens aber beim Zusehen keinerlei Emotionen evoziert. Problematisch. Vor allem dann, wenn die Beziehung zu seiner im Film als Schwester titulierten zweiten Akteurin näher beleuchtet wird. Jene Schwester, gespielt von Léa Seydoux, kommt nämlich als die eigentlich unsympathische Figur daher, wirkt aber durch die natürliche Darstellung sehr viel zugänglicher als Simon. Was für mich die ganze aufgebaute Konstellation von Grund auf ad absurdum führt und dem Sehgenuss ungemein abträglich ist. Dabei ist Kacey Mottet Klein die Bemühung seiner Rolle Leben einzuhauchen durchaus anzusehen. Allein es gelingt ihm nur stellenweise sich aus dem vom Drehbuch in ein enges, mit wenig Spielraum besetztes Korsage, zu befreien, um der Figur Simon mehr Sinn zu geben als tägliches Klauen, um Nahrung und Kleidung zu beschaffen.

Denn das dort mehr ist, offenbaren sporadisch extrem gekonnt eingebrachte Bilder, die hinter die Fassade der Geschwister blicken und kleine, versteckte Scherben und Sprünge zeigen. Risse im familiären Konstrukt, die tiefer liegen. Die eigentlich dazu animieren müssten, auszurasten. Den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Doch das geschieht nicht. Nie! Die Emotionen werden unter den schönen, weißen Pulverschnee gekehrt. Die Spannungen können sich nicht entladen. Aber genau das hätte L’enfant d’en haut so gut getan. Das hätte dem Werk die Sperrigkeit, die trockene Gefühlsleere, die kühle Distanz nehmen können. So schaut man dem Spiel und dem Gang der Geschichte mit einer Teilnahmslosigkeit zu, die der Film eigentlich nicht verdient hat. Wenn es Ursula Meier gelungen wäre, eine in irgendeiner Form zu beobachtende Entwicklung der Charaktere zu inszenieren. Das gelingt ihr jedoch nicht, egal wie sehr beide Schauspieler auch gegen Drehbuch und Erzählung anzuspielen versuchen, am Ende steht ein Nullsummenspiel. Sowohl Simon als auch seine Schwester sind keinen Schritt weiter gekommen, weder narrativ noch emotional setzt Tauwetter ein. Das einzige, was in den letzten Minuten des Films taut, ist der Schnee in den Skigebieten. Sonst nichts.

L’enfant d’en haut weckt Erwartungen, die über die gesamte Spielzeit nicht eingelöst werden. Das liegt weniger an den beiden Hauptdarstellern, sondern viel mehr an der Umsetzung, die den Zuschauer komplett außen vor lässt. Was angesichts des zu erzählenden Themas schwierig bis nervtötend ist. Ursula Meier hat leider in siebenundneunzig enttäuschenden Minuten Film sehr wenig zu sagen.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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Media Monday #319

Zwei Wochen hintereinander am Media Monday teilnehmen, ist mir aber auch schon sehr lange nicht gelungen. Nicht, das hier noch eine Art Kontinuität entsteht, die ich von mir gar nicht gewohnt bin. Befremdlich das Ganze. Aber, nun denn. Da sind die mehr oder weniger relevanten Antworten auf Wulfs Lückentext.

Meine Antworten

1. Wenn ich schon lese „Die ideale Urlaubs-/Strandlektüre“, frage ich mich spontan, wie der Satz wohl weiter geht. So könnte man die Anführungsstriche ja jetzt auch deuten. Aber wenn ich schon lese und dann auch noch Urlaub habe, dann ist es meist was leichteres. Zuletzt zum Beispiel „Funny Girl“ von Nick Hornby. 

2. „Citizen Kane“ hebt sich dahingehend von Mainstream-Filmen ab, das der Film von Beginn an nie Mainstream war und heute dennoch zu den besten Filmen aller Zeiten gehört. Es muss halt nicht immer Mainstream-Box Office sein, um gut unterhalten zu werden. 

3. Bei Serien immer auf dem neuesten Stand sein zu wollen, ist mir eindeutig zu anstrengend. Es gibt zwar so ein, zwei Kandidaten, bei denen ich die neuste Staffel zeitnah schaue. Aber das ist eher die Ausnahme, denn die Regel. Bei der heutigen Serien-Landschaft mit der Masse an guten Produktionen ist es zeitlich eh nicht zu schaffen immer up-to-date zu sein. 

4. Stan Laurel und Oliver Hardy sind für mich DAS Leinwand-Traumpaar, schließlich konnten die beiden mit immer wieder dem gleichen Grundkonzept ganze Filme füllen und waren dabei extrem unterhaltsam. 

5. Geht es um Rollenspiele, denke ich immer an FSK 18 Dinge? 😉 

6. Cast away“ ist ohne Frage eine echte One-Man/Woman-Show, immerhin stemmt Tom Hanks den Film zu 95% allein. Nun ja, fast allein. Wilson ist ja an seiner Seite, würde aber bei den Academy-Juroren nicht als handelnde Figur durchgehen. 

7. Zuletzt habe ich Peeping Tom“ gesehen und das war ziemlich creepy, weil Karl Heinz Böhm – oder wie er so schön in diesem Film genannt wird Carl Boehm – einen zugleich hassens- als auch bedauernswerten Charakter mimt, der in jeder Minute fesselnd agiert und somit ungemein Spannung erzeugt. Leider ist der Film damals beim Publikum ziemlich durchgefallen, weil er narrativ, aber vor allem visuell drastisch umgesetzt ist. Manche Filme sind ihrer Zeit einfach zu weit voraus. 

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Das Lied zum Sonntag

Werte Gemeinde,

wenn man die zurückliegende Nacht im Turm durchtanzt, wird einem am darauffolgenden Tag bewusst, das der Zahn der Zeit an einem nagt. Gefühlt bin ich heute tausende Jahre alt und kann daher nur beruhigende, nicht zum Tanzen animierende Musik hören. Alles andere würde meinen Bewegungsapparat gänzlich vernichten.

Also: Psssst. Nicht stören bitte. 

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#52FilmsByWomen – Spezial: Die Stummfilm-Regisseurin Alice Guy-Blaché

Da erschien am vergangenen Mittwoch kein neuer Beitrag in der Reihe #52FilmsByWomen und niemand hat es gemerkt. Aber eigentlich war dies ja auch beabsichtigt, denn Anfang August wird es dann doch Zeit ein wenig in der filmhistorischen Vergangenheit zu wühlen und sich mit den Anfängen des Films zu beschäftigen. Denn auch wenn beim Thema ‚Als die Bilder laufen lernten.‘ sofort Namen wie die Brüder Lumière (mit dem berühmten Zug L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat) oder auch Georges Méliès (dem in diesem Film ein kleines Denkmal gesetzt wurde) fallen, ist eine Pionierin des Films gänzlich in Vergessenheit geraten. Das soll hier und heute geändert werden.

Alice Guy-Blaché (1873-1968) – Regisseurin, Produzentin, Dozentin

The First Woman Filmmaker Nobody’s Heard Of: Alice Guy-Blache from Catherine Stratton on Vimeo.

Der Titel der kurzen Doku über Alice Guy-Blaché ist bezeichnend. Zum einen für die zur damaligen Zeit sowieso wenig feministisch angehauchten Gesellschaft, die sich eine Frau als Vorreiterin eines revolutionär neuen Mediums nicht vorstellen konnte. Zum anderen aber auch für die filmhistorische Relevanz (bis heute) im Vergleich zu anderen (männlichen) Vertretern des jungen, noch stummen Kinos. Dabei entstand nur ein Jahr nach dem eingangs erwähnten Lumière-Klassiker Guy-Blachés einminütiges Werk La Fée aux Choux, das im Gegensatz zum einfahrenden Zug bereits narrative Elemente des fiktionalen Films aufweist:

Sowieso muss man sagen, das die Regisseurin schon früh die erzählerische Kraft des Films erkannt hatte und dies in ihren Werken auch gekonnt ausnutzte. Und ähnlich wie Georges Méliès experimentierte die Französin mit Montage-Elementen, die zauberhafte und für das damalige Publikum staunenswerte Bilder schufen. Unterstützung fand ihr Schaffen bei Léon Gaumont, bei dem sie als Sekretärin begann und nach Gründung der Filmfirma L. Gaumont et Compagnie die Position der Produktionsleiterin einnahm. Unter ihrer Ägide entwickelte sich nicht nur die Firma Gaumont zur französischen Filmschmiede (die übrigens auch heute noch existent ist), sondern ebenso der Film an sich. Alice Guy-Blaché war mittendrin bei Farbfilmversuchen und Tonfilm-Experimenten. Viele ihrer Werke fangen diese Möglichkeiten der differenzierteren Erzählung im Bild (und Ton) ein. Leider ist auch ihr sehr hoher filmischer Output häufig verschollen oder zerstört oder einfach am Zahn der Zeit zerbröselt, so das nur wenig vollständig, einiges in Ausschnitten und vieles nur noch als Einzelbilder oder Fragmente zur Verfügung steht.

Die Musik in den ausgewählten Filmen der Regisseurin ist nicht Original. Die meisten der öffentlich aufgeführten Filmvorführungen waren vollständig ohne musikalische Begleitung – also tatsächlich stumm. Musik, speziell für den Film komponiert, sollte erst später, mit zunehmender Spielfilmlänge, eine veritable Rolle spielen. Eine große Rolle im Leben von Alice Guy-Blaché spielte ab 1907 ihr Ehemann (und Kameramann) Herbert Blaché, der als Chef der Amerika-Dependanz von Gaumont fungierte und mit ihr zusammen drei Jahre nach der Heirat eine eigene Filmproduktionsfirma gründete: Solax. Die Firma, der sie als künstlerische Leiterin vorstand, wuchs rasant und arbeitete recht erfolgreich. Mitte der 1910er Jahre schuf Alice Guy-Blaché als Regisseurin nicht nur selbst Filme, finanzierte als Produzentin nicht nur einen gehörigen Anteil des jährlichen amerikanischen Filmoutputs, sondern lehrte als Dozentin neuen, wißbegierigen, filmbegeisterten Studenten die Grundlagen des Mediums an der Columbia University.

Mit Solax (später umbenannt in Blaché Features) inszenierte sie eine große Anzahl publikumswirksamer Filme. Ihre eigenen Werke durchziehen aber durchaus fernab des normalen, damaligen Erzählkinos alternative Ansätze. Sei es in Form der erzählten Geschichte wie der obigen, in der die patriarchalisch geprägte Welt amüsant, eloquent und gleichzeitig selbstkritisch auf den Kopf gestellt wird. Oder sei es durch die Wahl der Schauspieler, wie in ihrem Film A Fool and his money, der mit einem ausnahmslos afro-amerikanischen Cast aufwartete, was einem politischen Affront gleichkam, wenn man bedenkt, das nur wenig später einer der am häufigsten zitierten (und bis heute referierten) und erfolgreichsten Stummfilme herauskam, der den afroamerikanischen Anteil der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten in einem gänzlich negativen Licht zeichnete. Alice Guy-Blachés Oeuvre beinhaltet eben auch Themen abseits des gängigen Mainstreams, auffallend häufig sind Frauenfiguren in den Fokus gerückt. Anfang des 20. Jahrhunderts war das durchaus ein visionäres und modernes Bild einer gänzlich anders geprägten Gesellschaft.

Mit der Hinwendung des amerikanischen Kinos gen Hollywood ging der Niedergang der an der Ostküste beheimateten Filmfirma von Alice Guy-Blaché einher. Nur wenig später trennte sie sich nicht nur geschäftlich, sondern auch privat von ihrem Ehemann. Auch beruflich blieb der vergangene Erfolg aus, so das sich die weibliche Pionierin der bewegten Bilder 1920 komplett aus dem Filmbusiness zurückzog, in ihre Heimat Frankreich zurückkehrte und dort nur mehr dozierend und als Drehbuchautorin auftrat. Einen Film drehte sie bis zu ihrem Tod nie wieder.

Beenden wir den Ausflug in die Anfänge des Films mit einem der ältesten Verfilmungen des Lebens von Jesus Christus, entstanden 1906 und natürlich inszeniert von unserer heutigen Hauptprotagonistin – Alice Guy-Blaché. Die Musik zum Film darf jeder gern selbst wählen.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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