#52FilmsByWomen: Wadjda von Haifaa Al-Mansour

Die ersten Bilder des Films geben die Richtung vor. Zum einen die Richtung des gesamten Werkes, zum anderen die Richtung der genaueren Charakterisierung der Protagonistin. Eben jene ist in diesen ersten Bildern nämlich zu sehen. Oder besser gesagt ihr Schuhwerk. Die Kamera schwenkt über Füsse, die alle in uniformen, schwarzen Schuhen stecken. Bis auf ein Paar, das sich durch die Marke (und dementsprechend dem Style) unterscheidet: Es sind Converse. Die Regisseurin Haifaa Al-Mansour definiert in dieser kurzen Szene das rebellische Anderssein von Wadjda – als Person und als filmisches Werk.

Das 10jährige Mädchen Wadjda lebt in Riad, Saudi-Arabiens Hauptstadt und Ort der Handlung. Sie ist, anders als ihre gleichaltrigen Mitschülerinnen, eher weltoffen eingestellt, hört ‚westliche‘ Popmusik (gern laut) und rebelliert wo immer sie kann. Das eckt vor allem bei der Schulobrigkeit an, deren strenge ideologische und religiöse Regeln oberste Priorität haben, d.h. sich als Frau in der patriarchalischen Gesellschaft unterzuordnen. Wadjda bemerkt diese Konformität und Uniformität überall, versteht aber nicht, warum die Einhaltung dieser Werte so wichtig zu sein scheint. Vor allem nicht, wenn das für sie heißt auf ein Fahrrad verzichten zu müssen, weil „Mädchen dürfen nun mal kein Fahrrad fahren“. Um sich den Traum vom eigenen Rad zu erfüllen, macht Wadjda etwas völlig untypisches: Sie nimmt an einem Koranvers – Rezitationswettbewerb an ihrer Schule teil, zum Erstaunen ihrer Mutter und der gesamten Lehrerschaft.

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I want to ride my bicycle

Wadjda schafft den Spagat zwischen Anecken an die saudische Religionskultur bei gleichzeitigem Porträtieren dieser Gesellschaft, ohne dabei den überheblichen Blickwinkel ‚westlicher moralischer Überlegenheit‘ einzunehmen. Der Film skizziert eine uns fremde Form des Zusammenlebens unter durchaus offensichtlichen Zwängen und Restriktionen, denen sich der weibliche Teil der Bevölkerung ausgesetzt sieht. Das Werk gibt aber auch kurze Einblicke in die Rebellion der kleinen Nadelstiche, die einer Frau in Saudi-Arabien durchaus zugestanden werden kann, ohne religiöse Wunden zu schlagen. Maßgeblichen Anteil an dieser ausbalancierten Erzählung hat die vom Start an sympathische, lebensfreudige, vorlaute Hauptfigur, die von der jungen Waad Mohammed mit viel Elan und Spielfreude gemimt wird. Ihr will man überall hin folgen und die Kamera tut dies auch mit Inbrunst. Das gibt zusätzlich den Blick frei auf die saudische Hauptstadt, deren kleine verwinkelte Gassen, deren als Fahrtraining missbrauchte Dächer. Haifaa Al-Mansours Bilder sind warm, wie die Temperaturen vor Ort. Sie können aber auch blitzartig in kalte, dunkle Szenerien abdriften, besonders prägnant, wenn im zweiten Handlungsstrang die eingeschlafene Ehe der Mutter und die Hinwendung des Vaters zur (erlaubten) Zweitfrau thematisiert wird.

Wadjda ist natürlich im Grunde ein Kinderfilm, erzählt aus der Perspektive unschuldiger Kinderaugen. Aber nur so lässt sich der religiös-rebellierende Anstrich des Films, versteckt in den kurzen prägnanten Dialogen, ohne Konsequenzen – eben aus der naiven ‚Erklär mir die Welt‘ – Sicht eines Kindes – legitimieren. Nur so. Mit einem grünen Fahrrad, Converse und lauter Popmusik.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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5 Antworten zu #52FilmsByWomen: Wadjda von Haifaa Al-Mansour

  1. Morgen Luft schreibt:

    Tolle Rezension! Deine Meinung zum Film teile ich leider nicht. Aber! Ich habe ihn in Deutsch gesehen und mache das auch zum großen Teil dafür verantwortlich. Mir zu viel: „Wir sind Frauen und werden schlecht behandelt“-Geschwafel Mir hätte hier ein Aufzeigen der Zustände viel besser gefallen.

    • Stepnwolf schreibt:

      Ich weiß nicht, ob ein Aufzeigen der Zustände erstens funktioniert hätte, da die Regisseurin ja schon so beim Dreh vor Ort unter Beobachtung stand und zweitens für die eigentliche Intention – also Kritik in Form eines Kinderfilms – passend gewesen wäre. Man muss ja auch nicht immer alles visuell in Szene setzen, sondern darf gern auch mal metaphorisch vorgehen…

  2. Mir hat der Film sehr gut gefallen und das Denken der Gesellschaft, die Zwänge, die Haltung der Männer wurden für mich gut verdeutlicht. Ein wenig Hoffnung hat trotzdem nicht gefällt. Wenn man dann noch beachtet, dass die Regisseurin unter Beobachtung stand, halte ich das Ganze für eine gute Arbeit.

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