#52FilmsByWomen: SMS für Dich von Karoline Herfurth

Sie hat es nun also auch getan. Einen beruflichen Wechsel (wenn auch nur als zweites Standbein) von vor der Kamera zu hinter die Kamera. Immerhin versucht Karoline Herfurth es nicht einigen ihrer Kollegen gleich zu tun, die sich ja eher dem musikalischen Genre zuwenden – und das mehr schlecht als recht. Nein, sie geht den geraden Weg und inszeniert ihren Debütfilm SMS für Dich als Regisseurin. Diese Inszenierung geht ebenso den geraden Weg – ohne Experimente – ist aber dennoch mehr recht als schlecht.

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Einmal amerikanische Liebeskomödie zum Mitnehmen, bitte.

SMS für Dich fühlt sich an wie eine amerikanische Liebeskomödie, sieht aus wie eine amerikanische Liebeskomödie und ist narrativ aufgebaut wie eine amerikanische Liebeskomödie. Aber da ist trotz all dieser sofort aufkommenden Assoziationen ein gewisser unübersehbarer, typisch deutscher Charme: ein wenig schroff und ungehobelt stößt der Film doch das eine oder andere Mal an, läuft nicht ganz so glatt und geschmeidig wie ein Hollywood-Uhrwerk und stolpert gelegentlich über steiniges erzählerisches Gelände. Genau das macht den Film für mich aber so sympathisch, weil nicht so oberflächlich gelackt und poliert erscheinend, versprüht Karoline Herfurths Debüt eine spielfreudige Vitalität.

Das zeigt sich vor allem bei den mitwirkenden Akteuren und deren Figuren. Insbesondere die beiden Sidekicks Frederick Lau (als bester und cool-lässiger Kumpel des Protagonisten Mark) und Nora Tschirner (als spleenig-wirre Freundin von Protagonistin Clara) passen perfekt in ihre Rollen. Hinzu kommen solch wunderbar egozentrische Charaktere wie die Verlegerin von Claras Kinderbüchern (herrlich abgedreht interpretiert von Cordula Stratmann), die durchgeplante und durchgeknallte Ex-Freundin (Friederike Kempter wie immer zum Niederknien gut) oder der Schlagerstar (esoterisch gezeichnet von Katja Riemann), die in ihren wenigen Szenen für schmunzelnde Gesichter sorgen. Und dann ist da ja noch das sich im Finden befindliche Liebespaar in Person von Ms. Herfurth selbst – die hier wie immer ihren ‚Emma Watson-Appeal‘ spielen lässt und unschuldig-süss vor sich hin sinniert – und einem charmant-trottelig agierenden Friedrich Mücke. Das Casting tat gut daran keine der typischen, ständig auftretenden Gesichter zu besetzen. Das hilft dem erzählerisch in bereits tief eingetretenen, vorhersehbaren Pfaden wandelnden Werk über die Schwelle des nur durchschnittlichen Filmvergnügens auf eine höhere, angenehm goutierbare Ebene.

Karoline Herfurth stellt dem werten Zuschauer ein passables Erstlingswerk zur Verfügung, das zwar narrativ keine Experimente eingeht und bekannte, genredefinierende, musikalisch verträumte Melodien szenisch ansprechend verarbeitet, aber dennoch vor allem in der Figurenzeichnung glamourös glänzen kann. Somit sieht SMS für Dich zwar durchweg wie eine klassische amerikanische Liebeskomödie aus, fühlt sich aber irgendwie nicht ganz danach an. Und das ist auch gut so…   

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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abc.etüden: Der Mähdrescher

Heißt es eigentlich sich versteigern oder hineinsteigern? Hineinsteigern, würde sein Vater jetzt sagen, denn versteigern geht nur bei Sotheby’s. Wenn sein Opfer tot und verblutend vor ihm lag, musste er immer an derlei Gespräche zurückdenken. Und natürlich an den sonnigen Tag am Rand des Getreidefeldes mit den vielen Pusteblumen, die sie so mochte und stets lächelnd gen Himmel pustete. Bis der Mähdrescher kam und dem Lachen jäh ein Ende setzte. Die düsteren Gedanken mischten sich ständig in seine Erinnerungen ein und hatten über die Jahre sein Handeln bestimmt. Er schüttelte sich, nahm den Käsehobel, setzte ihn an der noch übrig gebliebenen Haut seines Opfers an und vollzog sein Ritual – wie die vielen Male zuvor – in stoischer Ruhe. 

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Dies ist ein kurzer Beitrag zu den wundervollen abc.etüden, die an dieser Stelle zum Leben erweckt und von dort in die weite Bloggerwelt getragen werden. Teilnahme von Allen unbedingt erbeten…

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Das Lied zum Sonntag

Werte Gemeinde,

der Mensch macht sich die Welt Untertan, so sagt man. Aber diese Welt schlägt allzuoft mit ihren ureigenen Mitteln zurück. Brutal, abrupt und unerwartet. Denn die Welt hat einen unbesiegbaren Bodyguard an der Seite: die Natur. Und deren Gewalten sind gewaltig. Egal, ob der Wind, dessen stürmisches Wesen selbst vor tonnenschweren Gegenständen nicht Halt macht. Oder das Wasser, das sich vehement Wege bahnt, wo eigentlich keine vorhanden sind. Oder die Erde, die sich in allen erdenklichen Formen bewegt, obwohl sie doch so fest und starr erscheint.

Der Untertan wehrt sich. Widersteht der menschlichen Übermacht, um am Ende als Sieger dazustehen und den kleinen Humanoiden fassungslos zurückzulassen. Die Naturgewalten bleiben uns wohl auf ewig in ihrer ganzen Pracht vorenthalten. Wie lange diese ominöse Ewigkeit für die Spezies Mensch auch bestehen mag.

Für einen ganz besonderen dieser Gattung führte die Ewigkeit in der zurückliegenden Woche ins endgültige Licht. Daher eine letzte Würdigung mit einer die Naturgewalten zelebrierenden Videoperformance des bekanntesten (wenn auch nicht besten) Songs seiner alten Band.

Rest in Peace CC…

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abc.etüden: Modell 2.0

Die Nachricht auf dem Messageboard war unmissverständlich. Es war also endlich angekommen, das neue Modell des Secretary Robot, kurz liebevoll SecBot genannt. Er beendete sein Golfspiel und verließ den Golfrasen, um nur wenig später im Oval Office die Gebrauchsanweisung zu studieren. Dieser SecBot sollte den humanoiden Pendants der Vergangenheit ebenbürtig sein, mit allen damals vor der ‚Großen Reinigung‘ typischen Aufgabenbereichen. Er stöberte durch die aufgelisteten Funktionen und Fähigkeiten und blieb unverhofft bei den Zusatzkomponenten hängen. „Dieser SecBot ist sogar auf Bürosex programmiert“, sagte er mehr laut als zu sich selbst. „Verblüffend, wie menschlich diese Androiden mittlerweile sind.“ Er betätigte den Powerknopf. „Hello, Mr. President“, hauchte ihm der SecBot ins Ohr.     

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#52FilmsByWomen: Bande de Filles von Céline Sciamma

Vic wie Victoire. So wird sie in ihrer Mädelsgang genannt. Und eine Siegerin will sie auch sein, unsere Protagonistin Marieme. Sozial verortet in der Banlieue wird gerade eben dies nicht zum Hauptthema im Film Bande de Filles der Regisseurin Céline Sciamma. Vielmehr wird uns die Emanzipation einer jungen Frau präsentiert. Ein Coming of Age – Drama par excellence also.

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Shine bright like a diamond.

Marieme wird gespielt von Karidja Touré und bevor wir über irgendetwas anderes reden, ziehe ich kurz meinen imaginären Hut vor dieser Performance. Bedrückend nah, erdrückend emotional, beängstigend echt und verängstigend hart – Karidja Touré glänzt in allen Facetten ihrer Figur und erweckt sie somit zum Leben. Voll und ganz.

Céline Sciamma setzt ihre Protagonistin aber auch gekonnt in Szene. Ihre Bildkompositionen und vor allem der musikalische Einsatz erinnern spontan an Sofia Coppolas Werk The Bling Ring, das selbstredend natürlich ein komplett anderes Milieu charakterisiert, aber ähnliche Figuren etabliert. Sie arbeitet mit punktuellen Nahaufnahmen, wechselt zu unnatürlichen Farbtönen, schafft es dabei aber immer die jeweilige Stimmung der Szene perfekt emotional einzufangen. Bestes Beispiel: die Mädelsparty im Motelzimmer. In bläuliches Licht getaucht, untermalt von Rihannas Song Diamonds spürt man förmlich die losgelöste Stimmung, das Gefühl der Freiheit fernab von allen Zwängen und Ängsten, die Magie des vergänglichen Augenblicks. Bande de Filles wartet mehrmals mit derlei glänzenden Bildern einer Scheinwelt auf, setzt dem aber auch die brutale Realität von Vics Leben entgegen. Die Balance ist stimmig und passt perfekt zur eigentlichen Charakterentwicklung der Hauptfigur. Diese Entwicklung manifestiert sich in mehreren Akten, die – und das ist ein weiterer Anstrich der visuellen Eigenart des Films – deutlich erkennbar durch Fade Out-Interludes getrennt sind, nur die Musik dient als Bindeglied zum nächsten Stadium der Emanzipation, die härter und rigoroser nicht sein könnte. Um dem Gefängnis aus familiärer Gewalt, sexuellen Übergriffen, patriarchalischer Überheblichkeit und manifestierter sozialer Umgebung zu entkommen, bedarf es großer, mutiger Schritte, die Marieme aufgrund ihrer starken Persönlichkeit zu gehen weiß. Nicht ohne die Unterstützung ihrer Freundinnen – insbesondere Assa Sylla als Lady muss an dieser Stelle hervorgehoben werden – aber im Endeffekt dann doch vollkommen allein. Faszinierend mit wie viel Feingefühl Céline Sciamma diesen steinigen Weg filmisch umsetzt, ohne klischeehaft das schwere Umfeld besonders hervorzuheben. Es ist präsent, aber nur als Vehikel für die Transformation der Hauptfigur. Dieser Umstand gereicht Bande de Filles zum Vorteil.

Céline Sciamma gelingt mit ihrem Werk ein intensives Porträt der Emanzipation einer jungen Frau von der sie zu definieren scheinenden Welt. Gleichzeitig zeichnet sie ein modernes, aktuelles Bild einer aufgrund der Herkunft stigmatisierten Jugend, die sich aber eigentlich von ihren Altersgenossen weit entfernt der Banlieue keinen Deut unterscheiden, was ihre Träume, Wünsche und Ziele anbelangt, sondern sich vielmehr über gleiche Interessen und Werte definieren, die eben vor so etwas wie sozialen oder ethnischen Grenzen keinen Halt machen. Somit ist Bande de Filles nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, sondern ein unüberseh- und hörbares Statement für die Befindlichkeiten einer ganzen Generation.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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