#52FilmsByWomen: The Beguiled von Sofia Coppola

Abenddämmerung. Schummriges, weiches, in dunklen Farbtönen gehaltenes Licht. Zu sehen eine viktorianische Villa mitten im Nirgendwo, umgeben von viel Wald. Akustisch untermalt mit lauten Zikadengesängen, knackenden, sich im sanften Wind wiegenden Baumwipfeln und vereinzelten Vogelgesängen. Und dumpfen, fernen Kriegslärm. Auf dem Balkon steht, nur silhouettenhaft erkennbar eine Person mit einem Fernrohr und sucht die Umgebung ab. Neben den Naturgeräuschen existiert nichts anderes, nur Stille und Ruhe. Ruhe vor dem nahenden Sturm. Dem Sturm der Gefühle.

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Wenn Sitte und Anstand verloren geht…

Die Bilder in The Beguiled sind matt und weich und zart und zeichnerisch. Sofia Coppola komponiert eine visuelle Symphonie, die nur durch die überdeutlichen, natürlichen Geräusche der Umgebung der Villa unterbrochen werden, sich aber harmonisch in das ganze geschaffene Ambiente einfügen. Idyllisch, wenn nicht der nahe Bürgerkriegsschauplatz wäre, der in das Bewusstsein der ausschließlich weiblichen Akteure des Films in Form eines verwundeten Soldaten dringt. Noch dazu eines feindlichen Yankees. Doch der christliche Anstand gebietet Hilfe, auch wenn diese Hilfe und die damit einhergehende Genesung einen längeren Aufenthalt erfordert, der das Gefühlsleben so ziemlich aller anwesenden Damen gehörig durcheinander wirbelt.

Sofia Coppola versammelt eine illustre Schar bekannter Schauspieler und inszeniert ein zu Beginn typisches Sittengemälde zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges, das sich in mehreren eruptiven Ausbrüchen in ungeahnte und ziemlich überraschende Wendungen dirigiert und dabei jedwede Sitte des bildreichen Gemäldes verliert. Die Figuren speisen sich aus einem Potpourri verschiedenster Charaktere: die verwitwete, gestrenge Dame mittleren Alters, gebildet und aus hohem Hause, verwurzelt mit der Villa, die ihrer Familie gehört und mit der sie viele Erinnerungen verbindet, wird stets aufrecht und ein wenig stocksteif gemimt von Nicole Kidman. Die junge Gouvernante und Lehrerin, deren Leben eher zwangsweise in den Räumen der Villa verankert ist, die aber viel lieber aus diesem durch die Kriegsumstände erzwungenen Käfig entfliehen will, wird durch eine irgendwie ja schon zum Stammpersonal coppolascher Werke gehörende Kirsten Dunst zum Leben erweckt. Und dann wäre da ja noch die aufmüpfige, laszive, ihren nicht zu verbergenden Sexappeal auslotende älteste Schülerin der im Haus verbliebenden jungen Mädchen, die luftig-leicht von Elle Fanning interpretiert wird. Hier prallen Emotionen aufeinander, die durch die Anwesenheit des einzigen Mannes nur noch potenziert werden. Dieser Korporal McBurney erscheint anfänglich höflich, zuvorkommend und dankbar gegenüber der entgegengebrachten Hilfe, merkt aber sehr schnell, das alle Damen empfänglich für amouröse Anspielungen sind, nutzt dies aus und macht dabei eine charakterliche Achterbahnfahrt durch, die nicht gut enden kann (und wird). Colin Farrell hat sichtlich Spaß daran, seine Gespielinnen gegenseitig zu hintergehen – mit wörtlichen Äußerungen, angedeuteten Gesten und offensichtlichen Taten.

The Beguiled zieht einen von Beginn an in die Geschichte. Eine Geschichte, die – typisch nach Sofia Coppola Art – in ruhigen, langsamen Bildern erzählt wird, mit wenig Dialog, dafür umso mehr gestischen und mimischen Zwischentönen und massig Raum für unterschiedliche Richtungen, in die das ganze driften könnte. So wähnt man sich kurzzeitig tatsächlich in einem Haunted House Horror, switcht zu erotisch angehauchten  Szenen, um wenig später einem Hexenzirkel gleich mit allen Damen beim Dinner zu sitzen. Wunderbar galant wechselt die Regisseurin zwischen diesen filmischen Auswüchsen, um im Finale mit einem eher unerwarteten Ende aufzutrumpfen. Das neben den historisch korrekten Kostümen und Ausstattungen (die ja nicht zwangsläufig zu erwarten sind, wenn man sich einem Werk von Ms. Coppola zuwendet) natürlich auch die Musik (diesmal ebenso korrekt nicht mit ahistorischen Klängen arbeitend) sich fließend in die Szenerien einbettet, hebt The Beguiled noch einmal besonders hervor. Dezent im Hintergrund verweilend, unterstützt die rein instrumentale Musik das Geschehen und trägt somit zum gelungenen Gesamteindruck bei. Sofia Coppola schafft nach dem doch eher mässigen The Bling Ring mit The Beguiled ein stimmiges Werk voller überraschender Momente, die es sich lohnt zu entdecken.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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Das Lied zum Sonntag

Werte Gemeinde,

wenn einem die gesamte Woche über Orte wie Charlottesville oder Barcelona oder auch der ewige Türkei – Deutschland – Konflikt präsent vor den Augen stehen, wird einem bewusst, das es manchmal einer einfachen, aber effektiven Ablenkung von all den missratenen und traurigen und wütend machenden und fassungslos kopfschüttelnden Ereignissen dieser Welt bedarf.

Und was ist dafür am ehesten geeignet? Des Deutschen liebste Nebensächlichkeit natürlich! Die Fussball-Bundesliga ist wieder gestartet. Endlich mal Atempause von Politik und Terror. Endlich wieder dem Ball hinterher schauen und nicht dem Trump oder Erdogan beim Reden zuhören. Ist auch sehr viel entspannter und kostet weniger Nerven. Zumindest manchmal. Die relevanten Orte lauten also:

Dortmund oder München? (Oder ganz woanders?)

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#52FilmsByWomen: American Honey von Andrea Arnold

Es gibt in diesem Werk von Andrea Arnold einige intensive Szenen, die sich einem ins Gedächtnis brennen: die am Ende des Tages im schummrigen Abendlicht feuerspeienden Ölbohrtürme, die endlos ins Leere starrenden Gesichter der im Großraum-Van durch das Land kutschierenden Zeitungsverkäufer-Gang, die Meetings auf dem Parkplatz heruntergekommener Motels, die Nobelvillen mit ihren piekfeinen Vorgärten und blitzblank-sauberen Straßen und Gehwegen und natürlich das Finale von American Honey. Ein Finale, das so ziemlich alles offenbart, was diese Charakterstudie der einzelnen Akteure und im Besonderen der Hauptprotagonistin ausmacht – der unbändige Freiheitsdrang, das Draufgängertum der Jugend, die Vitalität des Moments, die pure Lebensfreude des Augenblicks, das furchtlose Voranschreiten im Angesicht des Dramas. Und ein stückweit auch die kurzzeitige, romantische Verklärung der Realität.

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We found love in a hopeless place

Star – gespielt von der Newcomerin Sasha Lane, die eine tiefe, natürliche und herzliche Ehrlichkeit in ihr Schauspiel legt, das sich von Beginn an auf den Zuschauer überträgt und Sympathien schafft – lebt in desolaten familiären Verhältnissen irgendwo in Texas und trifft per Zufall auf die durch das Land fahrenden Teenager rund um ihren Anführer Jake (mit viel forscher, machohafter, extrovertierter Attitüde interpretiert von Shia LaBeouf). Sie lässt ihr altes Leben zurück, schließt sich der Truppe an, verknallt sich in Jake und findet am Ende zu sich selbst. Ein Coming-of-Age Film im Roadtrip-Gewand, mit der besonderen Komponente hier viel mehr einem Coming-of-Age einer ganzen, amerikanischen Jugend zuzusehen als ’nur‘ der Emanzipation der Hauptfigur. Das zeigt sich vor allem auch an der musikalischen Untermalung, die American Honey konsequent den gesamten Film durchzieht und vorwiegend aus der jungen Generation stammt und für eben jene steht. Das geht bei der Wahl der Schauspieler weiter, die allesamt unbeschriebene Blätter sind (Shia LaBeouf mal außen vor) und in ihrer ehrlichen Art eine echte und – unterstützt durch den dokumentarisch angehauchten, visuellen Stil – lebensnahe Szenerie schaffen. Das setzt sich fort bei den Schauplätzen, die Andrea Arnold wählt um zum einen der amerikanischen Jugend (unsere Zeitungsverkäufer-Bande) das wahre und wirkliche Amerika zu präsentieren und zum anderen den ebenso wahren und wirklichen, vorgegaukelten Schein, der sich an vielen Stellen in den Vordergrund drängt, gnadenlos zu entlarven. Und auch wenn die Musik eine dominante Rolle einnimmt, sind es vorrangig die wuchtigen Bilder, die so viel mehr über die Befindlichkeiten einer ganzen Nation sagen als tausend Worte. American Honey glänzt mit extrem ehrlichen, nahen, offenbarenden Bildern, die dem Zuschauer volle Breitseite vor den Kopf geknallt werden, sich ins Gehirn brennen und dort für rumorenden Aufruhr sorgen.

Do you have any dreams? wird Star in einer Szene gefragt. Sie antwortet desillusioniert und gleichzeitig auch euphorisiert mit einem leisen, nachdenklichen ‚ja‘ – ein Haus am Wald, mit vielen Kindern, die im Garten spielen. Bescheidene Träume in einem Land der einstmals unbegrenzten Möglichkeiten. Dieser Zwiespalt der angeschlagenen, gehemmten Jugend, die dennoch dem unbändigen und irgendwo da draussen in den Weiten dieses unendlich großen Landes noch vorhandenen Drang des ‚alles ist möglich‘ spürt, widerspiegelt Andrea Arnolds Werk in klarer, offener Art und mit vehementen Nachdruck. American Honey ist ein gelungenes Portrait eines gänzlich entmystifizierten, unromantischen Amerikas einer nur noch verschwommenen, glorifizierten Vergangenheit. Da verzeiht man dem Film auch die eine oder andere Länge.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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Kurz und knackig: Die Flimmerkiste August Teil 1

Die Halbstarken (1956)

Dieser Film war definitiv eines der Bewerbungsvideos für Horst Buchholz, um die Rolle im vier Jahre später veröffentlichten The Magnificent Seven zu bekommen. Denn was er hier abliefert, ist großartiges Schauspiel. Die Halbstarken ist eine Milieustudie, die nicht diesen klinisch-reinen Anstrich deutscher Unterhaltungsfilme der 1950er hatte. Die Bilder sind schmutzig. Die Charaktere handeln moralisch schmutzig. Die Atmosphäre atmet Schmutz ein. Mutiges Kino, das zwar trotzdem aufklärend sein will, bei der damaligen Jugend aber nur Sympathie für die Protagonisten generierte.

Peeping Tom (1960)

Und noch ein deutscher Schauspieler, der (diesmal) in einer fremdsprachigen Produktion glänzen darf. Karlheinz Böhm als der misanthrope, introvertierte, pervertierte und gepeinigte Mark, dessen Leben fast vollständig durch die Linse einer Kamera stattfindet. Und durch diese Linse inszeniert er auch seine Morde. Visuell wartet Peeping Tom mit einigen interessanten Blickwinkeln und Einstellungen auf. Und die Figur des Mark ist so creepy und eiskalt-berechnend, das der Horror allein beim Beobachten gnadenlos funktioniert. Leider fiel der Film beim damaligen Publikum komplett durch, auch weil er wohl zu abseitig-extrem war. Manche Werke sind ihrer Zeit eben doch voraus.

Защитники – Guardians (2017)

Man muss natürlich mit einer gehörigen Portion Offenheit an diesen russischen Vertreter des Superhelden-Filmgenres herangehen. Aber dann kann Guardians durchaus Spaß machen. Die Heldenfiguren bieten mitunter interessante Fähigkeiten. Die kleinen Seitenhiebe auf die großen Marvel-Vorbilder haben Charme. Dennoch: Man merkt der visuellen Umsetzung das kleinere Budget an allen Ecken und Enden an. Aber erzählerisch ist Guardians nicht wirklich so viel platter als die Hollywood-Vorbilder. Und auch die russische Antagonist-Version ist ähnlich schwach gezeichnet. Selbst da hat der Regisseur Sarik Andreasyan gut kopiert.

Auf der großen Leinwand und immer noch im besser klimatisierten Blockbusterkino um die Ecke begrüßen wir:

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (2017)

Hach Luc Besson, wo ist nur deine erzählerische Stringenz hin? Gut, visuell macht der Film schon was her. Und die vielen kleinen Gimmicks, Spielereien und Nebenfiguren können durchaus ein wenig elementaren (eine gewollte Anspielung!) Touch vermitteln. Aber die Story? Sorry, aber geht ja gar nicht. Und die beiden Protagonisten? Passen so überhaupt nicht in ihre jeweiligen Rollen. Weder ist Dane DeHaan ein glaubwürdiger Superagent mit Spezialfähigkeiten, noch ist Cara Delevingne die coole, abgebrühte Heldenbraut an seiner Seite, egal wie oft sie dies zu vermitteln versucht. Und als verhindertes Liebespaar funktionieren beide erst recht nicht. Dann doch lieber noch einmal Korben Dallas und Leeloo im Rewatch. Da stimmte die Chemie noch.

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Media Monday #320

Neuer Montag. Neuer Media Monday. Mit mir. Schon wieder. Echt unheimlich das Ganze.

Meine Antworten

1. Düstere Zukunftsvisionen oder schlicht Dystopie sind ein sehr spannendes Genre, weil darin so wunderbar politische, gesellschaftliche, soziale, ethische und so viel mehr Themen verarbeitet werden können, die auf unsere Zeit reflektieren. Wenn allerdings nur Teenie-Liebes-Schmonzetten a la „Divergent“ dabei herausspringen, ist das weniger förderlich. 

2. Wenn nächste Woche Freitag bei Netflix „The Defenders“ starten, werde ich irgendwas bei Amazon Prime schauen. Ich bin nämlich kein Netflix-Kunde. 

3. Das fehlen des Wortes ‚für‘ wäre mich allein ja schon Grund genug, diesen Satz nicht korrekt ausfüllen zu können. 

4. Wenn ich so überlege, dürfte ich so ziemlich jeden Film von/mit Sofia Coppola kennen, weil ich ihre Art der Erzählung in ruhigen Bildern und gezielten Worten, gepaart mit elegant passender Musik schätzen gelernt habe. Mir fehlt tatsächlich auch nur ihr neustes Werk „The Beguiled“, der aber in dieser Woche für einige Tage in meiner Stadt zu sehen sein wird. Ein Anlass mal wieder ins Kino zu gehen. 

5. Tatiana Maslany für die Serie Orphan Black“ zu gewinnen, war in meinen Augen ein echter Coup, schließlich strömt diese Geschichte rund um Klone allein durch die Performance der Hauptakteurin so viel Energie aus, das dies reicht, um dran zu bleiben. Sarah, Alison, Helena, Cosima und all die anderen Figuren gewinnen so viel Eigenleben, das es immer wieder faszinierend ist, wenn einem beim Zuschauen bewusst wird, das dahinter nur eine einzige Schauspielerin steckt.  

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6. Nachdem ich in letzter Zeit ausschließlich diverse Filme oder Serien gesehen habe, muss ich dringend mal wieder mehr lesen, immerhin fehlen mir noch zwei Bücher auf meiner diesjährigen Liste. Und bei meinem Lesetempo wird es schwer das gesteckte Ziel, alle sieben gelesen zu haben, zu erreichen. 

7. Zuletzt habe ich Jennifer Rostock live erleben dürfen und das war überraschend intensiv, weil die werte Ms. Weist die Bühne ja mal so richtig rockt. Extrovertiert und gleichzeitig verdammt energetisch. Und wenn dann auch noch mein Lieblingslied der Band in einer wunderbaren Live-Version gespielt wird, kann man den Abend durchaus als gelungen betrachten. 

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